Real life, real talk

5. March 2018

Asche auf mein Haupt, ich habe die Werkschau am vergangenen 25. Februar hier ja mit keinem Wort erwähnt! Soll mir eine Lehre sein, dass sowas nicht mehr vorkommt... Na jedenfalls haben 25 Fotografen in der Kulturfabrik Moabit in Berlin einen Querschnitt unterschiedlichster Arbeiten vorgestellt, und ich war mit von der Partie.

Ein wirklich schöner Tag mit überraschend vielen Besuchern! Gute Freunde wiedergesehen, neue Bekanntschaften gemacht und wieder mal in der Erkenntnis bestätigt worden, dass die wirklich interessanten Gespräche stets nur bei direktem Kontakt entstehen können. Ich schätze diesen Austausch abseits von Facebook, Instagram & Co. ja wirklich sehr und möchte das in diesem Jahr noch ein wenig intensivieren.

Das Foto zeigt mich vor meiner Auswahl, mit Dank an Gregor Fischer!

Der neue, naja, Scanner

24. February 2018

Mit der Qualität der Scans von Kleinbildfilmen war ich bei meinem Flachbettscanner eigentlich noch nie so richtig zufrieden: viel zu niedrige Auflösung und gerade Farbfilme waren immer ein Glücksspiel. Ich habe mir das gerne als "besonderen Look" schön geredet, mich damit aber eigentlich nur selbst belogen. Vor etwa einem Jahr gab es dann mal einen Versuch mit einem dezidierten 35mm-Scanner, das Gerät war allerdings selbst für meine gemütliche Arbeitsweise viel zu langsam, außerdem musste man jeden Frame einzeln scannen, was ich wiederum als sehr lästig empfand. Der Scanner liegt seitdem in irgendeiner Kiste und setzt Staub an.

Klar gibt es Scanner, die sehr gute Ergebnisse liefern und dabei durchaus schnell sein können, nur braucht man dafür auch das nötige Kleingeld. Oder, und das machen mittlerweile nicht gerade wenige, man fotografiert die Negative einfach mit einer digitalen Kamera ab. Also ein bisschen hin und her überlegt, ob ich mir wirklich wieder was Digitales ins Haus holen will, dann aber doch einem guten Bekannten seine ältere, aber nach wie sehr gute DSLR abgekauft, mich in einer Facebook-Gruppe, die das sogenannte "DSLR Scanning" zum Thema hat ein bisschen schlau gemacht über die Setups der Mitglieder und gestern und heute erste zaghafte Versuche gestartet.

Man kann da schon echt eine Wissenschaft draus machen, und ich überlege noch was ein für mich geeigneter Workflow sein könnte, aber rein von der Qualität und der Schnelligkeit bin ich schon jetzt trotz meines stümperhaften Setups ziemlich zufrieden, da lässt sich schon eine deutliche Steigerung feststellen. Hier mal ein direkter Vergleich

Also habe ich jetzt wohl einen neuen Scanner, der sogar fotografieren kann! Na wenn das mal nix ist...

Über Wahrnehmung in der Fotografie

7. February 2018

Joel Sternfeld, McLean, Virginia, December 1978 © Courtesy of the artist and Luhring Augustine, New York, 2012

All photographs are accurate. None of them is the truth. - Richard Avedon

Im einem älteren Beitrag zu einem Foto von Ampannee Satoh schrieb ich, dass keine Erklärung, kein Kontext gegeben wird, es aber für das Foto selbst auch keine Bedeutung hätte. Das ist so nicht ganz richtig, und ich habe das Gefühl, darauf etwas näher eingehen zu müssen.

Das oben gezeigte Foto ist echt beziehungsweise nicht gestellt. Zu sehen ist ein Feuerwehrmann, der an einem Stand einen Kürbis kauft, während seine Kollegen versuchen, das Feuer in einem zweistöckigen Familienhaus zu löschen. Es ist genau so passiert, als der Fotograf Joel Sternfeld an der Szene vorbei fuhr und ein Foto davon machte. Mehr Informationen als den Untertitel, der hier auch angegeben ist, bekommt man nicht. Sternfeld lässt damit Raum zur eigenen Beurteilung, dennoch fehlt ein eigentlich wichtiges Detail: bei dem brennenden Haus handelt es sich um eine Übung. Und das ändert die Wahrnehmung des gesamten Fotos deutlich.

Also Fotograf hat man eine gewisse Kontrolle darüber, wie ein Betrachter das Foto wahrnimmt, sei es durch Weglassen von Informationen, oder auch wie ein Foto aufgenommen wurde. Wie Avedon schon sagte: jedes Foto ist echt, aber keines gibt die Realität wirklich wieder, der Einfluss des Fotografen spielt immer eine Rolle. Das, und das wir ohnehin nur den Bruchteil einer Sekunde dokumentieren, aber das ist eine andere Geschichte. Das ist insofern wichtig, als das wir visuellen Darstellungen eher Glauben schenken als beispielsweise reinen Nacherzählungen. Beispiele für diese Art der Manipulation - und in diesem Kontext halte ich das Wort für angebracht - gibt es unzählige, so ist es heute selbst im Bereich des Fotojournalismus nicht mehr unüblich, Fotos zu inszenieren, um einen Effekt zu erzeugen (vgl. hier und hier, oder die Kontroverse um den Gewinner des World Press Photo Awards 2013).

Und bei der Wahrnehmung bleibt es meist nicht nur beim Foto selbst, oft geht es auch um die Umstände, in denen ein Foto vielleicht entstanden ist. Ein prominentes Beispiel ist das Foto eines hungendern Kindes im Sudan, während im Hintergrund ein Geier wartet, aufgenommen von Kevin Carter. Es gibt unterschiedliche Angaben dazu, wie das Foto entstanden ist, die kritische Frage, warum der Fotograf nicht eingegriffen hat, war aber stets präsent. Das Foto wurde mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet, etwa drei Monate nach Erhalt nahm Carter sich das Leben. Unter anderem gab er das Gesehene als Grund an.
Ein aktuelleres Beispiel ist eine Fotodokumentation von Sara Naomi Lewkowicz namens Shane and Maggie: An Intimate Look at Domestic Violence, in der sie das Leben eines jungen Pärchens eine Zeit lang begleitete. In einem Foto sehen wir wie Shane Maggie in der Küche körperlich angreift, während ihre Tochter alles mitkriegt. Natürlich kam die Frage auf, warum Lewkowicz Fotos machte anstatt einzuschreiten, was sie mit der körperlichen Überlegenheit von Shane begründete. Sie hätte sich nur selbst in Gefahr gebracht ohne etwas erreichen zu können. Die Frage nach Ethik im Bereich des Fotojournalismus ist eine Grundsätzliche, die sich nicht so einfach beantworten lässt, sie spielt aber in die Wahrnehmung eines Fotos durchaus mit rein.

Auch im Bereich der klassischen Fotostrecken oder Essays spielt der Einfluss des Fotografen eine Rolle, mir fielen da spontan zwei Strecken zu Slab City ein, einem kleinen Ort in der Wüste von Kalifornien. Die Journalistin Jessica Lum dokumentierte in Slab City Stories die Geschichte der Bewohner von Slab City, ebenso wie Claire Martin in ihrer Serie The Misfits. Während erstere dabei ein Bild eines kleinen Paradieses beschreibt zeigt letztere die Probleme auf, die ein solcher Lebensstil mitbringt. Beide haben das gleiche Motiv, beide erzielen eine völlig unterschiedliche Wahrnehmung.

Nun gehen wir heute ganz automatisch davon aus, dass Fotos nicht die Realität wiedergeben, daran ist zunächst auch nichts auszusetzen. Als Betrachter sollte man aber Fotos dieser Art immer hinterfragen und - wenn möglich - mehrere Quellen zu Rate zu ziehen, um sich letzten Endes eine eigene Meinung zu bilden. Ein einzenes Foto reicht dazu nicht aus.

Vertrauen spielt in diesem Zusammenhang ebenfalls eine wichtige Rolle, aber das ist ein Thema für einen weiteren Beitrag.

Ein Brief aus der Zukunft

29. January 2018

Hi Christoph,

ich bins, Du aus der Zukunft! Ehrlich! Ja gut, ich kann mir vorstellen, wie Du jetzt hier ungläubig sitzt, aber Zeitreisen werden möglich sein! Na so halb jedenfalls. Nein, ich verrate Dir nicht wie weit in der Zukunft ich von Dir weg bin, aber sagen wir mal es wäre nicht schlecht, auch dieses Jahr darauf zu wetten, dass Bayern München Meister wird, okay? Aber darum geht es gerade nicht. Ich schreibe Dir, weil ich Dir etwas Wichtiges sagen muss. Bist Du bereit? Okay.

Alles wird gut.

Ich weiss, ich weiss, was meint er denn jetzt damit? Lass mich versuchen es zu erklären. Erinnerst Du dich noch, als Du 14 Jahre alt warst und beim Abschlusskonzert der Musikschule Beethovens Mondscheinsonate vorspielen solltestund die eine Stelle völlig vergeigt hast? Damals dachtest Du doch, jetzt müsstest Du dich vor all die Zuschauer stellen, damit Dir jeder für ihre oder seine vergeudete Zeit eine scheuern kann. Ist aber nicht passiert, stimmts? Sieh mal, die eigene Wahrnehmung ist eben meist völlig unterschiedlich von der der anderen. Klar wärst du in dem Moment am liebsten im Boden versunken, aber für jeden in dem Raum war doch klar, dass du „nur“ ein Schüler bist, kein Meister. Niemand hat es Dir übel genommen, deine Eltern waren nie stolzer auf Dich. Fehler zu machen ist völlig menschlich. Macht jeder. Der Trick ist, aus ihnen zu lernen, um sie beim nächsten Mal zu vermeiden. Und dann ist es auch nicht mehr so schlimm.

Fehler zu machen ist hart für jemanden wie Dich, der nicht allzuviel Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten hat. Aus Angst vor Fehlern probierst Du nicht viel Neues aus. Dabei wird es mit jedem Mal besser! Weisst Du noch, wie du damals im Berliner Mauerpark zum allerersten Mal ein fremdes Pärchen angesprochen hast und sie um ein Foto gebeten hast? Dein Puls war auf 180, der Adrelinpegel ging durch die Decke, das Foto selbst war auch kein Meisterwerk, aber Du hast dich danach so gut gefühlt! Und mit jedem Foto, dass Du an dem Nachmittag gemacht hast wurde es einfacher, nicht wahr? Der letzte Frame auf der Filmrolle hat sogar richtig Spaß gemacht! Angst ist etwas ganz Natürliches, Du darfst dich davon nur nicht kontrollieren lassen.

Was ist denn eigentlich mit deinem kleinen Seitenprojekt? Jaja, du hast keine Zeit, es gibt Wichtigeres… schon vergessen? Ich bin Du. Du kannst mir nichts vormachen, ich weiss, dass Du Dinge verkomplizierst um Dir selber Ausreden schaffen zu können, Dich nicht damit beschäftigen zu müssen. Weil Du Angst davor hast, es könnte schief gehen. So what? Wem musst Du denn etwas beweisen? Doch nur dir selbst! Was kann denn passieren, außer dass es vielleicht ein paar Fehler in der Software gibt, die man schnell fixen kann? Glaubst Du wirklich, dass die Benutzer es Dir übel nehmen, wenn es nicht rund läuft? Warum definierst Du dir nicht einfach einen Punkt, an dem es gut genug ist um auf die Welt losgelassen zu werden und unternimmst dann kleine Schritte, um diesen Punkt zu erreichen? Ist doch einfacher als sich ständig vom großen Ganzen überwältigen zu lassen.

Tatsächlich geht es mir aber um etwas ganz konkretes, denn mehr als einmal hast Du an verschiedenen Stellen angekündigt, mehr mit Menschen machen zu wollen. Sogar Aufrufe gestartet. Aber bisher ist nichts passiert, weil… naja, Du weisst schon, Ausreden und so. Und jetzt stehst Du ganz kurz vor Deinem ersten Shooting, dass Du ganz alleine organisiert hast. Location ist da, die Chemie zwischen euch beiden ist auch vorhanden, Du bist ein bisschen aufgeregt. Okay, ich werde nichts schön reden: es wird in die Hose gehen. Sorry. Aber das macht nichts! Wie beim Mauerparkfoto ist auch hier kein Meister vom Himmel gefallen. Hab keine Angst davor, Fehler zu machen. Niemand wird dich danach beurteilen. Du wirst weitere Shootings machen. Es wird mit jedem Mal besser werden. Und du wirst mit jedem Mal mehr Gefallen daran finden.

Das ist sehr viel auf einmal, und mir ist bewusst, dass ich gerade viel von Dir verlange. Alles, was ich an dieser Stelle noch tun kann, ist Dir zu versprechen, dass es sich lohnen wird.

Alles wird gut. Hab keine Angst. Probier es einfach.

Dein Zukunfts-Ich.

Hinweis: Dieser Beitrag erschien vor ungefähr vier Jahren auf meinem damaligen Blog Jeriko und wurde nur geringfügig an heutige Begebenheiten angepasst. Als ich ihn vor ein paar Tagen nach all der Zeit nochmal gelesen habe musste ich ja doch lächeln und war froh, auf mein Zukunfts-Ich gehört zu haben. Das angesprochene Seitenprojekt gibt es nicht mehr so wirklich und das erste Shooting ging wirklich in die Hose.

Zurück in die Vergangenheit

23. January 2018

Es gab da mal dieses Blog von mir, Jeriko hieß das, das war noch zu einer Zeit als Instagram gerade erst im Kommen war, an Snapchat dachte noch keiner so richtig, und Facebook war zwar schon groß aber eben noch nicht so groß als dass daneben nicht auch das "normale" Internet weiter existieren und erfolgreich sein konnte. Jeriko war auch gar nicht mal so unbekannt, und auch wenn die "Was wäre wenn"-Frage immer müßig ist wäre ich heute nicht da wo ich jetzt bin, hätte ich 2006 während dieser einen langweiligen Vorlesung meines Studiums nicht mal eben WordPress ausprobiert. Und dann haben sich echt noch Leute direkt auf die Website verirrt anstatt zu erwarten, alles über diverse Social Media Kanäle vorgesetzt zu bekommen! Verrückte alte Welt, ich weiß.

Na jedenfalls war dieses Blog seit ungefähr 2012 mehr oder weniger schon eine Karteileiche und 2014 löschte ich die Online-Präsenz dann endgültig. Über die Zeit hatte ich einfach die Lust daran verloren. Traurig bin ich darüber nicht, warum auch, schließlich hatte die (Portrait-)fotografie dann einen Großteil meiner Zeit in Anspruch genommen. Und man soll ja bekanntlich aufhören, wenns am Schönsten ist.

Die Blogbeiträge gibt es natürlich noch, nur eben nicht mehr online - acht Jahre Geschriebsel einfach so zu löschen habe ich mich dann doch nicht getraut. Rückblickend wohl eine meiner besseren Entscheidungen: warum ich vorgestern nochmal einen Blick reingeworfen habe weiß ich gar nicht so genau, aber doch festgestellt dass Artikel über Fotografie durchaus zeitlos sein können. Für mich war es jedenfalls durchaus interessant zu sehen, ob und wie sich meine Ansichten zu bestimmten Bereichen der Fotografie in den vergangenen Jahren geändert haben. Und dann waren sie auch noch recht gut geschrieben!

Also werde ich ein paar davon in den nächsten Tagen hier rüberholen. Wäre doch schade, wenn sie in irgendeiner Schublade vergammeln würden.

Reflexion

31. December 2017

Das schöne an einem nahezu unbekannten Blog eines beliebigen Berliner Fotografen ist ja, dass ich auch mal relativ frei von der Leber schreiben und euch an meiner kleinen Gedankenwelt teilhaben lassen kann. Zum Beispiel an meiner Reflexion über das vergangene Jahr, sich zu überlegen was denn nun eigentlich gut war, was vielleicht nicht ganz so gut, wo ich noch besser werden kann und wo ich überhaupt hin will.

2016 habe ich ja tatsächlich versucht von der Fotografie zu leben. So richtig mit Business Plan und einer mehrjährigen Übergangsphase, um nicht direkt ins kalte Wasser zu springen. Musste dann am Ende dieses Jahres aber feststellen, dass ich von meinem selbstgesteckten und eigentlich auch realistischen Ziel ziemlich weit entfernt war und dann beschlossen, die Fotografie wieder in meiner Freizeit zu betreiben. Man könnte das als Niederlage sehen, klar, und ich habe auch von einigen Seiten gehört dass ich eigentlich zu früh aufgegeben habe, aber eigentlich empfand ich es als recht befreiend: ich kann fotografisch wieder tun und lassen, was ich will. Hat 2017 eigentlich auch super funktioniert.

Mein ganzer Dank gilt deswegen auch den Menschen, die sich dafür vor meine Kamera gestellt haben, so dass wir zusammen etwas schönes erschaffen konnten. Ich sage das vielleicht nicht oft genug, stimmt, aber ich möchte auch nicht dass es irgendwann wie eine hohle Phrase klingt, die unter jedem Foto steht, gerade wenn es von Herzen kommt. Ich halte es nach wie vor nicht für selbstverständlich, ich bin auch noch vielen Jahren immer noch vor jeder Session ein wenig aufgeregt und nervös und hoffe einfach, das alles klappt. Aber, und das ist das Wichtige: ich behalte von jeder Session nicht nur die Fotos, sondern auch und gerade die Erinnerung an die gemeinsame Zeit, die Gespräche, die Vertrauensbasis, die wir in den paar Stunden aufgebaut haben. Es geht nicht darum danach die allerbesten Freunde zu werden, das ist natürlich Quatsch, aber meine Art der Fotografie hat auch mit Loslassen zu tun, und dazu gehört nun mal Vertrauen. Auch von meiner Seite. Ich habe in diesem Jahr auch wieder viel gelernt, über andere und auch über mich selbst. Nicht alles war erfreulich, nicht alles was ich getan habe war gut, einiges würde ich nicht nochmal machen, aber man lernt eben auch auch seinen Fehlern. Dass ich hier nicht von Technik spreche dürfte hoffentlich klar sein.

Es gab diesen Punkt irgendwann im Herbst, wann genau weiß ich auch nicht mehr, aber ich erinnere mich noch dass ich einen Blick auf mein Portfolio geworfen und habe und das erste Mal seit langem wieder so etwas wie Zufriedenheit verspürt habe. Das mag komisch klingen, aber ich bin nun mal ziemlich selbstkritisch und sehe eher, was noch besser gehen könnte, wo ich Fehler gemacht habe anstatt mich über die bisherige Leistung zu freuen. Aber das war wirklich so ein "Joa, da kannste schon stolz drauf sein!"-Moment, auch in zwischenmenschlicher Hinsicht

Gleichzeitig aber auch wie immer die Frage, wo die Reise eigentlich hingehen soll? In irgendeinem der unzähligen Beiträge bei Facebook stellte ein Fotograf die nicht ganz unberechtigte Frage, wo man denn eigentlich hin will wenn Geld nicht der primäre Antrieb ist, das Portfolio sich aber immer mehr mit den gleichen Bildern füllt, oder ob es das dann eben ist. Ich denke da ja eh schon lange drüber nach, und in der Konsequenz hab ich immerhin schon mal den kleinen Schritt gemacht und Mitte September meinen Platz in einem Gemeinschaftsstudio aufgegeben, da ich dort gefühlt fast nur noch die gleiche Art Fotos gemacht habe. Und eigentlich weiß ich ja auch, was ich gerne machen möchte...

... wenn ich mir dabei nur nicht selber im Weg stehen würde. Ich habe Ideen, größere Ideen, ich möchte auf die Straße, vielleicht auch mal mit einem ganzen Team arbeiten, hatte dafür Anfang 2017 sogar noch ein neues Objektiv speziell für diesen Anwendungsfall angeschafft, und seitdem steht es ungenutzt auf dem Schreibtisch und ich habe Angst, dass ich es vergeige und irgendwie den anderen Beteiligten erklären muss, die natürlich Fotos erwarten. Ich halte mich nicht für Profi genug um aus jeder Situation stets das Beste rauszuholen, das war schon fast immer so, nicht nur in der Fotografie, und ich wähle dann meist den einfacheren Weg, selbst wenn er mich nicht zufrieden stellt. Da kommt wieder das Vertrauen ins Spiel, dieses Mal wohl in mich selbst.

Die letzten vier Monate habe ich so gut wie gar nicht fotografiert, was nach den letzten vier Jahren einfach mal verdammt gut getan hat. Ich möchte weiter Portraits machen, ganz klar, aber eben auch über meinen imaginären Schatten springen und all die Ideen, die schon nahezu ausformuliert in meinem Notizbuch stehen, mit den richtigen Menschen umsetzen. Mutiger sein. Ehrlicher zu mir selbst sein. Offener für Austausch mit anderen sein.

Ein wenig aufgeregt bin ich, gleichzeitig habe ich aber auch ein Gefühl der Vorfreude. 2018 soll jedenfalls kein Jahr des Stillstands werden.

Retusche?

13. December 2017

"Retuschierst du deine Fotos auch?"

Nein, nicht wirklich. Jetzt könnte ich an dieser Stelle ein paar Zitate von Peter Lindbergh in den Raum schmeissen, mich über Künstlichkeit in der Fotografie aufregen oder über andere Fotografen stellen, aber der ganz banale Grund dafür, dass ich nicht retuschiere, ist dass ich es einfach nicht kann. Vor gut zwei Jahren habe ich tatsächlich mal versucht mich in dem Bereich etwas schlau zu machen, aber ehrlich gesagt auch schnell wieder das Interesse daran verloren. Ist vielleicht auch besser so.

Aber halt, da mache ich es mir doch ein wenig zu einfach, denn eigentlich waren es wohl zwei Erlebnisse und mein persönlicher Anspruch, wie ich mit den Menschen vor meiner Kamera begegnen möchte. Da gab es diese Situation in Wünsdorf, ich hatte ein Shooting mit einem Aktmodel geplant, deren Arbeiten ich schon länger verfolgte, und war überrascht, dass sie eine Kaiserschnittnarbe hatte. Nicht weil ich es nicht ästhetisch oder nicht schön oder ähnliches gefunden hätte, sondern weil ich die Narbe bisher auf keinem Foto gesehen hatte. Ich fragte sie ob ich sie nachträglich wegretuschieren soll, vielleicht mag sie sie ja nicht, aber ihr war es wirklich egal. Ich fand es eher befremdlich, dass ihre Schönheit allein manchen immer noch nicht reichte.

Und dann gab es dieses Foto im Dezember letzten Jahres, dass ein Model von sich bei Facebook hochgeladen hatte. Wir hatten uns im Sommer 2016 für ein kurzes und wirklich tolles Shooting verabredet, und dann sitze ich ein paar Monate später vor dem Rechner und dieses Foto ploppt auf und ich falle aus allen Wolken, was die Fotografin daran alles verändert hat: die Haut komplett glattgebügelt, zwei Hauttöne tiefer, das ganze Gesicht geglättet und so ganz nebenbei fast einen anderen Menschen aus ihr gemacht. Mein erster Gedanke war wirklich, dass sie das nicht verdient hat.

Da hast du also dieses bildschöne Model, und der Fotografin ist das immer noch nicht genug, so dass sie sie in der Nachbearbeitung noch fast bis zur Unkenntlichkeit verändern muss. Und dann frage ich mich, was das wohl an Gedanken auslösen könnte: fühlt man sich vielleicht abgewertet? Nicht gut genug? Vollständig auf das Äußerliche reduziert? Wir werden ja so schon permanent durch Werbung auf ein ziemlich falsches Schönheitsideal getrimmt, was macht es dann mit einem selbst wenn man mit solchen Gedanken konfrontiert wird?

Ich möchte den Menschen vor meiner Kamera auf Augenhöhe begegnen, und dazu gehört für mich eben auch sehr behutsame Retusche - wenn überhaupt. Ich möchte Fotos machen, auf denen man sich auch in zehn Jahren noch wiedererkennt und sich erfreuen kann, keine Fotos die schon jetzt ein falsches Bild von einer Person wiedergeben. Und sind es denn nicht auch diese kleinen "Makel", die zu uns und unserer Geschichte gehören?

Texten

12. October 2017

Ich war mal besser im Schreiben von Texten, aber das ist schon viele viele Jahre her, und jedes Mal wenn ich heute ansetze habe ich das Gefühl, dass es nach hohlem, blumigem Geschwurbel klingt, das nach Lückenfüller aussieht und das man mir sowieso nicht abnehmen würde. Ich möchte eigentlich auch meine Fotos für sich sprechen lassen und dem Betrachter die Möglichkeit der eigenen Interpretation geben. Ich bin nicht besonders gut darin, über meine Fotografie zu sprechen und versuche es in den meisten Fällen auch eher zu vermeiden, vermutlich weil ich das Gefühl habe, diesbezüglich irgendwelchen hohen Ansprüchen nicht genügen zu können oder mich nicht eloquent genug auszudrücken. Naja, geschenkt.

Jetzt kam es aber zwei Mal vor, dass zwei Personen, die bereits vor meiner Kamera standen, die Befürchtung äußerten mir könnten unsere Fotos nicht gefallen, weil ich im Vergleich so wenig dazu schreibe oder mir viel Zeit lasse bevor ich sie irgendwo zeige. Und das möchte ich natürlich nicht.

Texte sollten vom Herzen kommen, und es ist mir jetzt einfach mal egal, ob das hier blöd klingt: ich bin für jeden einzelnen Menschen, der mir seine Zeit und sein Vertrauen schenkt, unendlich dankbar! Auch heute noch finde ich das absolut nicht selbstverständlich, ich bin nach wie vor vor jeder Session aufgeregt und nervös und hoffe, dass alles klappt und habe gleichzeitig immer auch ein wenig Angst, sollte doch alles in die Hose gehen. Dass ich mir damit selber ein wenig im Weg stehe ist mir klar, aber das ist eine andere Geschichte... Aber, und das ist das Wichtige: Ich behalte von jeder Session nicht nur die Fotos, sondern auch und gerade die Erinnerung an die gemeinsame Zeit, die Gespräche, die Vertrauensbasis, die wir in den paar Stunden aufgebaut haben. Und es bestürzt mich auch immer ein wenig wenn ich einen Namen mal vergesse oder das Gefühl habe, in der Session den Menschen gar nicht richtig kennengelernt zu haben. Fotografie ist für mich eine Möglichkeit, gemeinsam etwas Schönes zu erschaffen - und das müssen eben nicht immer Fotos sein.

Lucie Vollmeyer

31. July 2017

Es freut mich ja immer sehr wenn Menschen mich über die erste Session hinaus nochmal anschreiben und Lust auf weitere Fotos haben. Zum einen zeigt es mir, dass das, was ich so mache, auch gut ankommt, zum anderen kennt man sich einfach schon, weiß wie man so tickt, und alles ist einfach nochmal eine Ecke entspannter. Lucie und ich haben uns im Dezember vergangenen Jahres kennengelernt und im Mai diesen Jahres für eine weitere Session in meinem Studio getroffen. Ich danke dir für deine Zeit und dein Vertrauen!

Katinka

27. July 2017

Eine kleine Serie mit Katinka Gold, die um mein Studio herum entstanden ist.

Interviews mit mir

11. July 2017

Glück im Unglück

9. July 2017

Vielleicht braucht es manchmal einfach einfach einen kleinen Dämpfer, um in die richtige Bahn gelenkt zu werden. Es war ein kalter und nasser Freitagabend an einem Februar, ich war mir mit Menschen vor der Kamera immer noch nicht ganz sicher, und so wollte ich zu einer Veranstaltung mit sagen wir mal etwas extrovertierteren Menschen, die es wohl auch eher gewöhnt sein müssten von fremden Kameras abgelichtet zu werden. Doch das wenige Selbstvertrauen, dass ich mir über den Tag irgendwie aufgebaut hatte wurde jäh zerstört, als ich die erste Person ansprach und als Antwort nur die Gegenfrage bekam, für welches Magazin ich denn fotografieren würde und meine perplex dahingestammelte Antwort "Äh, für gar keins..." nicht gerade wohlwollend aufgenommen wurde. Ich weiß nicht wie ich mit noch mehr Absagen dieser Art umgegangen wäre, und so zog ich lieber von dannen.

Nun lag der Film aber bereits in der Kamera, also lief ich die Torstraße in Berlin auf und ab, machte hier und da ein paar Aufnahmen, solange jedenfalls bis Sie mir entgegen kam. Ob sie wohl auch auf dem Weg zu dieser Veranstaltung war? Der Weg würde ja passen. Und selbst wenn nicht... Ich nahm all meinen Mut zusammen und sprach sie an, ob ich wohl ein Portrait von mir machen dürfte, während ich ihr die alte analoge Kamera zeigte. An den Wortlaut kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich war überrascht dass sie sofort einwilligte, überrascht und vor allem völlig unvorbereitet. Ich bat sie, sich in Richtung eines ausgeleuchteten Schaufensters zu drehen, schätzte währenddessen die Belichtungszeit, komponierte das Bild im Lichtschachtsucher und drückte ab. Mit meiner Visitenkarte in ihrer Hand trennten sich unsere Wege, und schlagartig war ich euphorisiert, hoffte so sehr, dass gerade dieses eine Foto etwas geworden ist, hatte den Dämpfer wegen der Veranstaltung völlig vergessen.

Sie hat sich nicht mehr gemeldet, und bis heute weiß ich nicht, wer sie ist. Manchmal frage ich mich immer noch, ob ihr das Foto gefallen hätte.

Prints make you happy

10. November 2016

Vor zwei Jahren unternahm ich schon mal einen Versuch: ein Bekannter von Steffen hatte seinen Vergrößerer seit gut 30 Jahren nicht mehr benutzt und wollte ihn in gute Hände abgeben. Lange nachdenken musste ich nicht, und nach einem guten Tag pendeln zwischen Hamburg und Berlin war ich glücklicher Besitzer eines Vivitar-Vergrößerers bis ins Mittelformat. Das Badezimmer notdürftig mit dunklen Vorhängen abgedunkelt und die ersten Versuche gestartet.

Allein, es machte keinen Spaß. Natürlich gab es das schöne Gefühl der Zufriedenheit, wenn man ein gelungenes Bild in den Händen hält, aber der Prozess war angesichts des beschränkten Platzes und der doch recht einfachen Ausstattung mühselig und nicht wirklich entspannend, und so verkaufte ich die gesamte Ausrüstung ein paar Monate später und dachte eine ganze Weile nicht mehr darüber nach.

Aber verdammt nochmal, Fotos gehören nun mal aufs Papier! Das wurde mir ja spätestens bei meiner ersten Ausstellung wieder bewusst, als ich nach dem Aufhängen der Bilder zum ersten Mal bewusst durch den Raum ging und alles auf mich wirken ließ. Fotos gehören in die Hand, an die Wand, man muss sie fühlen, sich wirklich darauf fokussieren können.

Seit etwa drei Wochen habe ich Zugang zu einer richtigen Dunkelkammer. Und ich fühle mich wieder wie ein Anfänger, stelle dumme Fragen, mache Fehler, brauche vermutlich so viel länger als ein erfahrener Printer, und es könnte mir im Moment kaum egaler sein, denn ich merke gar nicht, wie die Zeit vergeht und komme jedes Mal mit neuen Erfahrungen, neuem Wissen, neuen Abzügen und einem zufriedenen Lächeln wieder ans Tageslicht.

Noch sind es Babyschritte. Aber mit jedem Mal wird es besser.

Der gute Zweck

2. November 2016

Wir bemerkten erst bei der Finissage zu meiner ersten Ausstellung, dass eines der Bilder mutwillig beschädigt wurde: jemand zog es vor, dass Gesicht von Julian mit Gewebeband zu überkleben. Ablösen unmöglich. Ein paar Mitglieder der Fotogalerie Potsdam sagten mir, dass sowas bisher noch nie vorgekommen sei, es stellt sich halt nur die Frage ob "Erster!" in diesem Falle so schön ist. Wer es war ist nicht bekannt, ob sie oder er die abgebildete Person nicht mochte, rauchen nicht so toll findet oder einfach nur - um es mit den Worten von Edward Norton aus Fight Club zu sagen - etwas schönes zerstören wollte, keine Ahnung. So wirklich gekümmert hat es mich aber auch nicht, dafür war der Rest des Abends zu schön.

Vergessen habe ich es allerdings auch nicht. Nun könnte ich mich darüber wahnsinnig ärgern, der Person alles Schlechte dieser Welt an den Hals wünschen, dass sie oder ihn der Blitz beim Scheißen trifft...

...oder noch besser, ihr oder ihm ein Schnippchen schlagen und das Bild verkaufen. Als das Unikat, dass es durch die Aktion erst geworden ist. Und mir dabei ins Fäustchen lachen, dass der angerichtete Schaden doch noch mein Gewinn wird...

... oder lege den Erlös aus dem Verkauf nochmal oben drauf und spende den gesamten Erlös an Ärzte ohne Grenzen. Denn ich bilde mir jetzt einfach mal ein, dass es hierbei um ein - leichtes - Statement gegen das Rauchen ging, weil hier ein Raucher in einem Umfeld gezeigt wurde, in dem sich auch Kinder bewegen. Kann schon sein, dass ich da etwas naiv bin, aber eigentlich brauche ich auch keinen speziellen Grund, um mit meinen Bildern etwas Gutes zu tun.

Und ich freue mich sehr darüber, dass Christoph Ermert das Bild kaufte und die Ärzte ohne Grenzen demnächst eine Spende über 180€ erhalten werden. Vielen Dank!

Weeds, September 2016

20. October 2016

Manchmal sind Zufälle ja doch etwas schönes. Beispielsweise wenn der Film in der Kamera zu weit eingespult wurde und man am gedachten Ende noch ein paar Aufnahmen von den umliegenden Gräsern macht. Die Einstellungen werden eher locker vorgenommen, man konzentriert sich stattdessen auf das Gefühl in den Fingern beim Weiterspulen, wann der Widerstand nicht mehr da ist, wann der Film tatsächlich auf der anderen Rolle ist. Denkt sich nichts weiter, nur um dann ein solches Kleinod auf den Negativen vorzufinden. Ja, manchmal sind Zufälle ja doch etwas schönes.

Überwindung

19. October 2016

Ich werde bei Shootings immer wieder gefragt, wie das bei mit der Fotografie von Menschen eigentlich angefangen hat. Ich hatte das vor Jahren - 2010, um genau zu sein - auf meinem alten Blog "Jeriko" aufgeschrieben, dass in dieser Form aber nicht mehr existiert. Also veröffentliche ich den Beitrag an dieser Stelle einfach nochmal. Rückblickend überrascht es mich auch ein wenig, wie lange diese Situation schon her ist, ich hatte sie später in Erinnerung. Aber das ist nur ein unwichtiges Detail am Rande.

Das da oben ist ein Platzhalter für ein Foto, das in etwa so aussieht: Entstanden an einem Sonntag im Mauerpark in Berlin, die Sonne verschwindet gerade hinter den Hochhäusern, der Himmel ist nahezu wolkenlos, die goldene Stunde ist in vollem Gange. Sie, ich schätze sie auf 23 Jahre, vielleicht 1,65 m groß, so genau weiß ich das nicht, denn sie sitzt auf einer der Bänke am Hang, direkt gegenüber der Mauer.

Ihre braunen Dreads versteckt sie halbwegs gut unter einer roten Strickmütze, sie hat schmale Augen, Piercings in der Nase und der Unterlippe. Sie trägt eine grüne Filzjacke, ihre Hände sind durch Stulpen vor der Kälte geschützt. Eine braune Hose – ich glaube, es war eine Hose – auf ihren übereinandergeschlagenen Beinen liegt ein Buch, aufgeschlagen, auf Französisch. Man sieht sie etwa zwischen Portrait und Profil, ihr Gesicht ist durch die Sonne in ein leicht goldenes Licht getaucht.

Sie bläst den Rauch der selbstgedrehten Zigarette in die kalte Winterluft, während sie gedankenverloren, vielleicht aber auch nachdenklich in die Ferne schaut. Ihr Deutsch ist nicht gut, sie erzählt mir auf Englisch, dass sie es eigentlich nicht mag, fotografiert zu werden, ihr aber meine Kamera – eine alte Hasselblad – gefällt. Das Foto ist quadratisch, trotzdem ist sie auf der Aufnahme leicht rechts zu sehen, ihr Blick geht nach links, sozusagen in die Aufnahme hinein.

Es ist das vermutlich beste Foto, das ausdrucksstärkste, das technisch einwandfreiste von den zwölf, die ich an diesem Tag machte. Zehn sind Portraits, ähnlich wie dieses, auf dem elften sieht man einen Hang, auf dem Kinder gerade Schlitten fahren und eines ist verhunzt, da ich aus Versehen auf den Auslöser drückte. Ich würde sie Euch gern zeigen, aber sie existieren nicht.

Es war ein Experiment. Der Farbfilm, ein Kodak irgendwas mit ASA 125, lief bereits 1991 ab. Er hätte irgendwelche interessanten Farben produzieren können, vielleicht auch völlig ausgebleichte oder irgendetwas mit Farbstich, aber eben auch gar nichts. Das ist das kleine Restrisiko bei so alten Filmen. Er schlummerte die ganze Zeit in einer Schublade in einem warmen Zimmer oder anders gesagt: Er wurde unsachgemäß gelagert und ist über den langen Zeitraum einfach kaputt gegangen. Auf dem Filmstreifen ist nichts. Aber das ist egal.

Ich fotografiere jetzt seit etwa 14 Monaten, habe in der Zeit einiges ausprobiert, war an Orten, die ich sonst vermutlich nie gesehen hätte. Habe mein Auge für die Welt da draußen ein bisschen geschärft – denke ich jedenfalls – da kleinere Details schneller auffallen. Ich habe Architektur fotografiert, Verfall, habe versucht, den Eindruck, das Gefühl der Orte festzuhalten, an denen ich mich befand. Habe mich in der Makrofotografie probiert, fand es nur bedingt spannend. An Straßenfotografie, Menschen auf der Straße, dem Leben. Das einzige, was ich in der all der Zeit nie getan habe, war, Menschen nach einem Foto zu fragen. Weil ich Angst hatte.

Ich habe Fotos von Menschen auf der Straße gemacht und sie danach gefragt, ob es okay ist. Was ja fast noch blöder ist, schließlich gebe ich ihnen damit ja nicht einmal die Chance, im Vorfeld nein zu sagen. Es gab diejenigen, die das Foto gelöscht haben wollten, klar, aber wirklich unfreundlich, sauer oder gar aggressiv ist nie jemand gewesen. Ich halte das für keine Selbstverständlichkeit, aber das nur am Rande.

Jedenfalls habe ich mich nie getraut, Menschen einfach so zu fragen. Das hat zwei Gründe: zum einen ein ordentlicher Knacks in meinem Selbstbewusstsein, das ich mir sowieso erst ziemlich spät angeeignet habe. Zum anderen habe ich immer wieder die Szene auf der Photokina 2010 im Kopf, bei der diese Traube von Fotografen sich gegenseitig wortwörtlich über den Haufen rannte, um noch ein Foto vom Bodypainting-Modell zu bekommen, das gerade von der Bühne zur Garderobe ging, da die Show längst vorbei war. Eine Szene, die mich angeekelt hat und mit der ich niemals verglichen werden möchte.

Der Mauerpark in Berlin also. Ich dachte mir, mit all den sagen wir mal aufgeschlosseneren Menschen in meinem Alter dort sollte es doch möglich sein, nicht sofort schräg angeschaut zu werden. Ich hatte die Hasselblad in der Hand, die digitale Nikon ist ja schon etwas wuchtig und könnte vielleicht etwas abschreckend wirken. Ich lief hin und her, lief Runden, suchte nach ausdrucksstarken Gesichtern. Fand sie. Wollte mir einen Ruck geben. Tat es nicht. Verfluchte mich eine Sekunde später dafür. Lief weiter.

Auf der eingeschneiten Wiese dann das asiatische Pärchen entdeckt, sie fotografiert gerade ihn. Warum eigentlich nicht, Menschen, die selbst fotografieren, dürften ja noch einmal eine Ecke aufgeschlossener sein. Ich wartete, bis sie ihre Fotos gemacht hatte. Adrenalin, Puls durch die Decke, Herzrasen, alles zusammen, während ich auf sie zuging. Ob ich ein Foto von ihm machen dürfte? Sie verstanden mich nicht. Okay, Englisch, schnell die richtigen Worte zusammenlegen, noch einmal fragen, dabei verhaspeln, verdammt, das war’s jetzt bestimmt.

Ja, klar, was soll ich tun? Oh, wow, so weit war ich gar nicht. Ich wollte nichts Gestelltes, das war das Einzige. Um ihn abzulenken, unterhielt ich mich ein bisschen mit ihm, woher sie denn kämen (USA, Nähe Washington), ob sie auf dem Flohmarkt gewesen wären („Yeah!“), wie sie es fanden („kinda cool, but too crowded“) und drückte den Auslöser. Fertig. Kurz sacken lassen, wirklich fertig. Ich gab ihnen meine Karte, damit sie mich kontaktieren können, falls sie das Foto haben möchten. Sie lächelten, wir sagten tschüss und gingen unserer Wege. Das war’s. Adrenalin geht runter, Puls kommt langsam wieder in normale Bereiche. Wow.

Mit jedem Foto wurde es einfacher. Ich war jedes Mal aufgeregt, aber es wurde einfacher. Die meisten fanden die Kamera interessant, den Lichtschachtsucher, wofür ich überhaupt Fotos mache, manche schauten skeptisch, warum gerade sie, man kommt irgendwie in ein kurzes Gespräch. Zwei sagten direkt nein, aber es war okay. Sie wollten einfach nur nicht fotografiert werden, es ging nicht um mich und es war okay. Rein von der Komposition her war wahrscheinlich keine der Aufnahmen besonders gut, aber auch das war okay.

Und es begann, Spaß zu machen. Die Filmentwicklung am Tag danach dauerte nur ein paar Stunden. Der Mitarbeiter im Labor zeigte mir einen völlig transparenten Filmstreifen. Ob meine Kamera kaputt sei, fragte er mich. Nee, antwortete ich lächelnd, um meine Enttäuschung zu überspielen, die aber nur für ein paar Sekunden anhielt.

Denn es ist egal. Es ist egal, dass auf den Negativen nichts zu sehen ist, die Fotos existieren einfach in meinem Kopf weiter. Es ist egal, denn sie stehen für etwas viel Besseres, einen Schritt, den ich getan habe, und der mich viel Überwindung gekostet hat. Dieses Mal war nicht das Ergebnis das Ergebnis. Und das macht sie zu den besten Fotos der vergangenen Wochen, auch wenn es sie gar nicht gibt.

Ob er den Filmstreifen wegschmeißen soll, fragte er. Nein, ich möchte ihn behalten.

Scheiss auf alles

10. March 2014

Das ist ein Foto, was ich mit meinem drei Jahre alten Smartphone im Hafen von Cala Rajada auf Mallorca, gemacht habe, wo ich mich die letzten paar Tage aufgehalten habe. Da ich sowieso schon im quadratischen Format fotografiere habe ich nur noch einen Filter angewendet und das Foto exportiert, während wir gerade zurück nach Palma fuhren. Als sich das Foto auf meinem Display auftat ärgerte ich mich für einen kurzen Moment, was für ein tolles Motiv das doch ist, und warum ich es nicht mit meiner „richtigen” Kamera gemacht habe, die doch in meinem Rucksack war. Aber es war egal. Was wäre denn besser gewesen, hätte ich es mit meiner Mittelformatkamera aufgenommen? Ja klar, die Auflösung wäre höher gewesen, ich hätte größere Abzüge machen können. Es wäre richtiges Filmkorn gewesen, kein digitales Rauschen. Und vielleicht, ganz vielleicht hätte es sogar mehr Details gegeben. Und dennoch: nichts was ich anders hätte machen können hätte etwas an dem Foto verbessern können. Für mich ist es genau so perfekt, wie es ist.

Scheiss auf neue Kameramodelle jedes Jahr, die übernächstes Jahr eh wieder veraltet sind. Scheiss auf Identifizierung über Marken. Scheiss auf noch größere Sensorgrößen. Scheiss auf höhere Megapixelzahlen für Fotos, von denen man ehe keine Prints macht. Scheiss auf noch höhere ISO-Bereiche, damit ich nachts fotografieren kann als wäre es Mittag. Scheiss auf Pixelvergleicherei und Nörgeln über jeden kleinen Fehler einer Kamera, die man auf echten Fotos sowieso nicht mehr bemerkt. Scheiss auf die Entscheidung, welche Linse für welche Situation am besten sei. Scheiss auf endlose Nachbearbeitung. Scheiss auf Film. Scheiss auf alternative Prozesse um des Prozesses willen. Scheiss auf stundenlange Sitzungen in der Dunkelkammer für den perfekten Abzug. Scheiss aufs Hochladen jedes durchschnittlichen Bildes an alle Ecken des Internets für die 15 Minuten Ruhm. Scheiss auf alles. Denn am Ende interessiert sich niemand dafür. Was wirklich zählt ist das Foto. Und nur das.

Dieser Beitrag kann Spuren von Polemik enthalten.