Über das Glücklichsein

12. March 2019

Meine Eltern und mich trennen etwa 600 Kilometer, so sieht man sich zwar nicht ganz so häufig, dafür sind die seltenen Treffen immer eine willkommen Abwechslung vom Lärm und der Hektik Berlins. Kopf frei kriegen, ein bisschen Ruhe haben und für ein paar Tage die Seele baumeln lassen. So drei bis vier Mal im Jahr kriegt man das schon hin. Wie oft ich 2010 in der alten Heimat war weiß ich heute nicht mehr, ist aber auch nicht wichtig, hier geht es nur um einen bestimmten Tag im Juli.

Na jedenfalls lief gerade die Fußball-Weltmeisterschaft und weil ich gerade nichts besseres zu tun hatte dachte ich mir so, "Christoph", dachte ich mir, "schauste das Spiel Deutschland gegen Argentinien doch in irgendeiner Kneipe!" und bin los gegangen. Zu meiner Überraschung und Freude gab es da tatsächlich noch diese eine Bar, in der wir schon zur Schulzeit unser, ähem, Feierabendbier getrunken haben. Das ist tatsächlich nicht selbstverständlich, viele Kneipen in meiner alten Heimat haben im Laufe der Jahre ihr Konzept geändert, andere Kundschaft angezogen, dicht gemacht. Diese hier nicht, da war alles so, wie ich es noch in Erinnerung hatte.

Sogar die Gäste. Mein Namensgedächtnis ist fürchterlich, aber ich habe noch ein paar alte Gesichter wieder erkannt, mit denen ich früher zu Schule gegangen bin, Nachmittags Streethockey gespielt habe, die Nächte in Partykellern mit viel zu viel Alkohol verbrachte oder die ersten, zögerlichen Annäherungsversuche (Second Base und so) unternahm. Angesprochen hab ich sie nicht, zum einen wäre das mit den Namen etwas peinlich gewesen und zum anderen wollte man ja das Spiel schauen und nicht in Erinnerungen schwelgen.

Und irgendwie taten sie mir auch leid. Alles hier fühlte sich so klein an. Da bin ich also zu Besuch, aus Berlin gekommen, der Stadt, die dir alles zu Füßen legt und du nur danach greifen musst, und frage mich, wie man es in diesem gefühlt winzigen Kaff hier überhaupt aushalten kann, wo tagein tagaus doch alles irgendwie gleich ist. Wieviel besser es mir doch geht!

Stimmt halt nur nicht so ganz. Geht es mir eigentlich besser, weil ich zwar all Möglichkeiten der Welt habe und gleichzeitig in einer oberflächlichen Stadt lebe, in Bewegung bin und gleichzeitig meinen Bekanntenkreis schon dreimal komplett gewechselt habe und meine wahren Freunde an einer Hand abzählen kann, mich nie so richtig binden wollte? Oder geht es meinen alten Schulkameraden besser, weil sie sich seit Jahrzehnten kennen, weil sie ihr Häusle gebaut haben, geheiratet haben, Kinder gekriegt haben, am Wochenende zum Fußball gehen und den Sommer auf Mallorca verbringen, gefühlt ihre Strukturen haben und ihre Heimat ein bisschen schneller definierten als ich?

Die Frage lässt sich nicht beantworten, es ist ja weder ein Vergleich noch ein Wettbewerb. Am Ende muss halt jeder für sich glücklich werden, egal wie das nun aussehen mag.

Gilt übrigens auch für die Fotografie, um wenigstens ein bisschen den Bogen zu schlagen.

Konkurrenzdenken

28. January 2019

Vor ein paar Jahren kam in mir mal der Gedanke auf, mit meiner Fotografie Geld zu verdienen. Also so richtig. Also davon leben zu können. Es gab ein realistisches Ziel und gleichzeitig war es kein Sprung ins kalte sondern eher ins lauwarme Wasser, denn ich hatte mir immer noch die Hintertür aufgelassen, wieder zu meinem alten Job zurückkehren zu können, der mir ja auch sehr viel Spaß bereitete. Meinen Fokus habe ich eher nach dem Ausschlusskriterium gefunden, aber schlussendlich wollte ich mich auf Sedcards für Schauspieler spezialisieren: in Berlin gibt es eine staatliche und mehrere private Schauspielschulen, gefühlt unzählige Agenturen, und Schauspieler brauchen ohnehin ständig aktuelle Bilder. What could possibly go wrong.

Gleichzeitig fühlte ich mich etwas schlecht. Ich hatte da diesen Platz im Studio, den ich mir zu der Zeit mit vier weiteren Fotografen teilte. Und Überraschung, einer von ihnen fotografierte hauptberuflich und überwiegend Sedcards für Schauspieler. Ach du Scheisse, wie sieht das denn jetzt bitte aus, versuche ich ihn da etwa zu kopieren oder schlimmer noch, hat er das Gefühl, dass unser eigentlich sehr freundschaftliches Verhältnis dadurch Schaden nehmen könnte? Alles Gedanken, die mir so durch den Kopf rauschten.

Aber er war cool damit. Also so richtig cool. Wenn ich Fragen hatte - und oh boy gab es davon viele! - konnte ich damit zu ihm kommen, er hat da nie etwas hinter dem Berg gehalten. Und warum auch? Er teilte das Wissen ja nur, ich habs ihm nicht genommen. Und in Berlin war er als Fotograf bekannt, die Agenturen kommen trotzdem zu ihm. Denn es ist völlig egal, dass ich jetzt dieses und jenes weiss, worauf ich zu achten habe, worauf nicht, dass wir in der gleichen Branche arbeiten und uns das gleiche Studio teilen, denn was am Ende wichtig ist, unsere persönliche Note, was wir aus dieser ganzen Situation und dem ganzen Wissen machen, das macht uns aus. Und was wird immer unterschiedlich bleiben. Andreas Jorns spricht da von Schorf, und das trifft es wohl ganz gut.

Ich mag dieses Konkurrenzdenken in der Fotografie nicht. Nee, die Location verrate ich dir nicht. Nee, den Namen vom Model gebe ich dir nicht. Nee, ich sag dir nicht wie ich dieses und jene Licht gesetzt habe. Von meinen "Geheimnissen" habe ich gar nix, gleichzeitig verliere ich aber auch nicht wenn ich mein Wissen teile sondern ganz im Gegenteil, baue mir damit vielleicht sogar ein kleines Netzwerk auf oder kann auch mal auf andere Personen zukommen, wenn ich dann mal eine Frage habe. Und ey, wie spannend ist das denn, wenn jemand anderes mit den gleichen Vorraussetzungen etwas völlig anderes, völlig neues produziert? Ich sags euch: richtig spannend.