Heute zur Abwechslung mal das Fahrrad stehen lassen und zu Fuß zum Gym gegangen, auf dem Rückweg dann nochmal kurz über meinen Instagram-Account nachgedacht, den ich ja vor ein paar Wochen deaktivierte. Dem Algorithmus nach interessierte ich mich zuletzt ja vor allem für alles, was mit Rennrädern zu tun hatte (stimmt), Doggos (STIMMT!) und Gymfluencer, die alle, wirklich alle dieselbe Grütze produzieren: du machst im Gym alles falsch und ich zeig dir jetzt, wie es richtig geht. Eine Zeitlang war es en vogue in den nächsten Supermarkt zu rennen und irgendwelche Lebensmittel zu fotografieren, die garantiert der neue Gamechanger bei deinem Training sein werden. Dazwischen Rezepte, bei denen der Protein-Intake immer im Vordergrund steht und die seltenst wirklich gut klingen. Und so weiter und so fort, Hauptsache Content.
Vor allem war es aber immer das gleiche: wenn Gymfluencer #1 irgendein "tolles" Rezept als Reel verarbeitet hat konntest du dir sicher sein, dass Gymfluencer #2 das ein paar Tage später ebenfalls in seinem Stream hat. Das gleiche mit "Supermarkt-Hauls" oder eben der Klassiker "Du machst bei Übung XYZ alles falsch und ich zeig dir jetzt wie es richtig geht". Im Grunde kupfert hier jeder von jedem ab, denn Content erzeugt heutzutage ja sowieso nur für einen minimalen Zeitraum wirklich Aufmerksamkeit. Mich dann gefragt ob das rechtlich irgendwie alles so cool ist (vermutlich ja) und was würde eigentlich passieren, wenn jemand aus dieser "Community" heute verklagt werden würde.
Und dann erinnerte ich mich wieder an meinen Fall vor fast zwanzig Jahren: Trent Reznor von Nine Inch Nails hat eine Art virtuelle Schnitzeljagd als Werbung für das neue Album Year Zero organisiert, eingeweiht war aber wohl nur der US-Teil seines Labels. Na jedenfalls musste man dazu auch ein MP3 mit einem neuen Song im Oszilloskop analysieren um weiterzukommen, daher nahm ich an, dass die Verbreitung ebendieses Songs okay sein würde und schrieb 2007 einen Post in meinem damals ziemlich unbekannten Blog. Tja naja, es dauerte nur ein paar Tage, bis ich Post von den Anwälten des Labels im Briefkasten hatte. Ein bisschen über 500€ ist für einen Studenten nicht gerade wenig Geld.
Ich schrieb Fabu eine E-Mail, der den Song ebenfalls in seinem Blog hatte um ihn zu warnen, er wiederum schrieb über über meine Abmahnung mit dem treffenden Titel "Nine Inch Sargnagel". (Kurzer Exkurs: Fabu hatte schon damals mehr Kreativität in seiner linken Arschbacke als die allermeisten von uns zusammen, und es war ein Jammer, dass er sowohl sein persönliches Blog als auch das Gaming-Blog Superlevel einstampfte). Fabus Blog war im Gegenzug zu mir bekannt, andere fassten das Thema auf und schrieben ebenfalls darüber. Andere Blogger meldeten sich bei mir, boten mir ihre Hilfe an, telefonierten mit ihren deutschen Kontakten beim Label, was denn da los sei. So richtig gebracht hatte das alles (noch) nichts, aber dieses Gefühl der Solidarität war damals wirklich unbeschreiblich. Keiner von denen kannte mich, ich sie eben nur von ihren Blogs, und trotzdem setzen sie sich für mich ein. Wie krass ist das denn bitte.
Und dann, circa eine Woche später an einem Samstagvormittag meldet sich Peter von (ich hab den Namen des Blogs leider vergessen) per Telefon: ich bekomme gleich einen Anruf vom Label, die Sache sei vom Tisch. Einfach so. That's it. Ich habe vorher noch nie etwas von Peter gehört, danach lustigerweise auch nicht mehr, nur dieser Anruf. Und dann, wie angekündigt, meldete sich das Label. Die Sache sei vom Tisch. Einfach so. That's it.
Und daran musste ich gerade nochmal denken. Dass ich über diese Abmahnung Menschen kennengelernt habe, die mir auch Türen geöffnet haben, direkt wie indirekt, ohne die ich heute nicht da wäre, wo ich bin.
Natürlich sind heute so viel mehr Menschen online, die ihre Inhalte anderen zur Verfügung stellen - ich möchte nicht Content Creator sagen, ich hab den Begriff noch nie gemocht - dass die emotionale Bindung darunter vermutlich leidet. Aber ich frage mich wirklich, ob es eine Solidarität, wie ich sie damals hautnah erleben durfte, heute noch gibt.