Ein Brief aus der Zukunft

29. January 2018

Hi Christoph,

ich bins, Du aus der Zukunft! Ehrlich! Ja gut, ich kann mir vorstellen, wie Du jetzt hier ungläubig sitzt, aber Zeitreisen werden möglich sein! Na so halb jedenfalls. Nein, ich verrate Dir nicht wie weit in der Zukunft ich von Dir weg bin, aber sagen wir mal es wäre nicht schlecht, auch dieses Jahr darauf zu wetten, dass Bayern München Meister wird, okay? Aber darum geht es gerade nicht. Ich schreibe Dir, weil ich Dir etwas Wichtiges sagen muss. Bist Du bereit? Okay.

Alles wird gut.

Ich weiss, ich weiss, was meint er denn jetzt damit? Lass mich versuchen es zu erklären. Erinnerst Du dich noch, als Du 14 Jahre alt warst und beim Abschlusskonzert der Musikschule Beethovens Mondscheinsonate vorspielen solltestund die eine Stelle völlig vergeigt hast? Damals dachtest Du doch, jetzt müsstest Du dich vor all die Zuschauer stellen, damit Dir jeder für ihre oder seine vergeudete Zeit eine scheuern kann. Ist aber nicht passiert, stimmts? Sieh mal, die eigene Wahrnehmung ist eben meist völlig unterschiedlich von der der anderen. Klar wärst du in dem Moment am liebsten im Boden versunken, aber für jeden in dem Raum war doch klar, dass du „nur“ ein Schüler bist, kein Meister. Niemand hat es Dir übel genommen, deine Eltern waren nie stolzer auf Dich. Fehler zu machen ist völlig menschlich. Macht jeder. Der Trick ist, aus ihnen zu lernen, um sie beim nächsten Mal zu vermeiden. Und dann ist es auch nicht mehr so schlimm.

Fehler zu machen ist hart für jemanden wie Dich, der nicht allzuviel Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten hat. Aus Angst vor Fehlern probierst Du nicht viel Neues aus. Dabei wird es mit jedem Mal besser! Weisst Du noch, wie du damals im Berliner Mauerpark zum allerersten Mal ein fremdes Pärchen angesprochen hast und sie um ein Foto gebeten hast? Dein Puls war auf 180, der Adrelinpegel ging durch die Decke, das Foto selbst war auch kein Meisterwerk, aber Du hast dich danach so gut gefühlt! Und mit jedem Foto, dass Du an dem Nachmittag gemacht hast wurde es einfacher, nicht wahr? Der letzte Frame auf der Filmrolle hat sogar richtig Spaß gemacht! Angst ist etwas ganz Natürliches, Du darfst dich davon nur nicht kontrollieren lassen.

Was ist denn eigentlich mit deinem kleinen Seitenprojekt? Jaja, du hast keine Zeit, es gibt Wichtigeres… schon vergessen? Ich bin Du. Du kannst mir nichts vormachen, ich weiss, dass Du Dinge verkomplizierst um Dir selber Ausreden schaffen zu können, Dich nicht damit beschäftigen zu müssen. Weil Du Angst davor hast, es könnte schief gehen. So what? Wem musst Du denn etwas beweisen? Doch nur dir selbst! Was kann denn passieren, außer dass es vielleicht ein paar Fehler in der Software gibt, die man schnell fixen kann? Glaubst Du wirklich, dass die Benutzer es Dir übel nehmen, wenn es nicht rund läuft? Warum definierst Du dir nicht einfach einen Punkt, an dem es gut genug ist um auf die Welt losgelassen zu werden und unternimmst dann kleine Schritte, um diesen Punkt zu erreichen? Ist doch einfacher als sich ständig vom großen Ganzen überwältigen zu lassen.

Tatsächlich geht es mir aber um etwas ganz konkretes, denn mehr als einmal hast Du an verschiedenen Stellen angekündigt, mehr mit Menschen machen zu wollen. Sogar Aufrufe gestartet. Aber bisher ist nichts passiert, weil… naja, Du weisst schon, Ausreden und so. Und jetzt stehst Du ganz kurz vor Deinem ersten Shooting, dass Du ganz alleine organisiert hast. Location ist da, die Chemie zwischen euch beiden ist auch vorhanden, Du bist ein bisschen aufgeregt. Okay, ich werde nichts schön reden: es wird in die Hose gehen. Sorry. Aber das macht nichts! Wie beim Mauerparkfoto ist auch hier kein Meister vom Himmel gefallen. Hab keine Angst davor, Fehler zu machen. Niemand wird dich danach beurteilen. Du wirst weitere Shootings machen. Es wird mit jedem Mal besser werden. Und du wirst mit jedem Mal mehr Gefallen daran finden.

Das ist sehr viel auf einmal, und mir ist bewusst, dass ich gerade viel von Dir verlange. Alles, was ich an dieser Stelle noch tun kann, ist Dir zu versprechen, dass es sich lohnen wird.

Alles wird gut. Hab keine Angst. Probier es einfach.

Dein Zukunfts-Ich.

Hinweis: Dieser Beitrag erschien vor ungefähr vier Jahren auf meinem damaligen Blog Jeriko und wurde nur geringfügig an heutige Begebenheiten angepasst. Als ich ihn vor ein paar Tagen nach all der Zeit nochmal gelesen habe musste ich ja doch lächeln und war froh, auf mein Zukunfts-Ich gehört zu haben. Das angesprochene Seitenprojekt gibt es nicht mehr so wirklich und das erste Shooting ging wirklich in die Hose.