Konkurrenzdenken

28. January 2019

Vor ein paar Jahren kam in mir mal der Gedanke auf, mit meiner Fotografie Geld zu verdienen. Also so richtig. Also davon leben zu können. Es gab ein realistisches Ziel und gleichzeitig war es kein Sprung ins kalte sondern eher ins lauwarme Wasser, denn ich hatte mir immer noch die Hintertür aufgelassen, wieder zu meinem alten Job zurückkehren zu können, der mir ja auch sehr viel Spaß bereitete. Meinen Fokus habe ich eher nach dem Ausschlusskriterium gefunden, aber schlussendlich wollte ich mich auf Sedcards für Schauspieler spezialisieren: in Berlin gibt es eine staatliche und mehrere private Schauspielschulen, gefühlt unzählige Agenturen, und Schauspieler brauchen ohnehin ständig aktuelle Bilder. What could possibly go wrong.

Gleichzeitig fühlte ich mich etwas schlecht. Ich hatte da diesen Platz im Studio, den ich mir zu der Zeit mit vier weiteren Fotografen teilte. Und Überraschung, einer von ihnen fotografierte hauptberuflich und überwiegend Sedcards für Schauspieler. Ach du Scheisse, wie sieht das denn jetzt bitte aus, versuche ich ihn da etwa zu kopieren oder schlimmer noch, hat er das Gefühl, dass unser eigentlich sehr freundschaftliches Verhältnis dadurch Schaden nehmen könnte? Alles Gedanken, die mir so durch den Kopf rauschten.

Aber er war cool damit. Also so richtig cool. Wenn ich Fragen hatte - und oh boy gab es davon viele! - konnte ich damit zu ihm kommen, er hat da nie etwas hinter dem Berg gehalten. Und warum auch? Er teilte das Wissen ja nur, ich habs ihm nicht genommen. Und in Berlin war er als Fotograf bekannt, die Agenturen kommen trotzdem zu ihm. Denn es ist völlig egal, dass ich jetzt dieses und jenes weiss, worauf ich zu achten habe, worauf nicht, dass wir in der gleichen Branche arbeiten und uns das gleiche Studio teilen, denn was am Ende wichtig ist, unsere persönliche Note, was wir aus dieser ganzen Situation und dem ganzen Wissen machen, das macht uns aus. Und was wird immer unterschiedlich bleiben. Andreas Jorns spricht da von Schorf, und das trifft es wohl ganz gut.

Ich mag dieses Konkurrenzdenken in der Fotografie nicht. Nee, die Location verrate ich dir nicht. Nee, den Namen vom Model gebe ich dir nicht. Nee, ich sag dir nicht wie ich dieses und jene Licht gesetzt habe. Von meinen "Geheimnissen" habe ich gar nix, gleichzeitig verliere ich aber auch nicht wenn ich mein Wissen teile sondern ganz im Gegenteil, baue mir damit vielleicht sogar ein kleines Netzwerk auf oder kann auch mal auf andere Personen zukommen, wenn ich dann mal eine Frage habe. Und ey, wie spannend ist das denn, wenn jemand anderes mit den gleichen Vorraussetzungen etwas völlig anderes, völlig neues produziert? Ich sags euch: richtig spannend.