Micky

5. February 2020

Am Anfang warst du zweite Wahl. Ungewollt natürlich, als wir uns dafür entschieden einen Hund aus dem Tierheim zu adoptieren hatte Anja auf der Website gestöbert und erst einen ganz anderen Hund im Sinn. Ein Riesenschnauzer, 14 Jahre alt, Hüftprobleme, am liebsten hätte man eine Erdgschosswohnung mit Garten, damit er keine Treppen steigen muss. Haben wir. Ältere Hunde sind vermutlich schwerer zu vermitteln, also warum nicht? Aber es passte nicht, er war zu krank und wir hätten nicht in dem Maße für ihn sorgen können wie er es verdient hätte. Anja erzählte mir von dir, zeigte mir Fotos, du wurdest als ein Spitz-Mix beschrieben. Ich dachte sofort an einen Zwergspitz ("Gibt's noch andere?"), einen Wadenbeißer hatte ich für mich aber immer ausgeschlossen. Aber nun waren wir ja schon im Tierheim, und anschauen kostet ja nichts. Die Pflegerin führte uns an den Gehegen vorbei, eine Meute von großen schwarzen Hunden rennt bellend auf uns zu, und du in ein paar Meter Abstand hinterher, wie du versuchst mit deinen kleinen Stummelbeinchen mitzuhalten.

Anja hat mir später erst erzählt, dass sie sich in der ersten Sekunde in dich verliebt hat. In der zweiten Sekunde hatte sie Angst, du könntest mir wirklich nicht groß genug sein. Aber an mein überraschtes "Ach der ist ja gar nicht so klein!" kann ich mich noch sehr gut erinnern, und es erging mir doch nicht anders als ihr! Wir machten einen Probespaziergang, überlegten ob und wie und was die Katzen wohl dazu sagen würden, aber im Grunde war die Entscheidung schon längst gefallen.

Eine Woche später, im September 2017, bist du bei uns eingezogen.

Du warst eine Sicherstellung durch den Tierschutz, deine Geschichte kennen wir nicht. Hattest starke Hüftprobleme, wie stark haben wir erst zwei Jahre später auf einem Röntgenbild sehen können. Ein bisschen Metall zur Stabilisierung im linken hinteren Bein, man munkelt du könntest angefahren worden sein. Ein paar Zähnchen fehlten dir. Als ob all das irgendwie wichtig gewesen wäre.

Du hast dich sofort wohl gefühlt. Deinen Charakter haben wir schon am ersten Tag ein wenig kennenlernen dürfen, du hast sofort die ganze Wohnung neugierig überprüft um dich dann sehr entspannt auf dem Sofa niederzulassen und dich ausgiebig von uns kraulen zu lassen. Es war ja auch ein aufregender Tag.

Ein Tierheim kann immer nur das Verhalten des Tieres während des Aufenthalts dort beschreiben, und man sagte uns dass du dich charakterlich nochmal verändern könntest. Dass wir mit dir aber so ein Glück haben würden hätten wir uns auch nicht gedacht. Du warst sofort auf uns bezogen, hast uns als Frauchen und Herrchen akzeptiert und immer geschaut, dass es uns gut geht. Nach gerade mal drei Tagen konnten wir ohne Leine Gassi gehen. Du bist nicht weggelaufen, du hast immer geschaut wo wir sind, du hast aufs Wort gehört. Du warst der liebste Hund überhaupt, was wohl jeder Hundebesitzer über seinen Hund sagt, aber du warst es halt wirklich, was wohl auch jeder Hundebesitzer über seinen Hund sagt, aber vielleicht reicht es ja zu sagen, dass du nur ein einziges Mal, als dir der Kater ein Leckerli streitig machen wollte ein bisschen von deinen wenigen Zähnchen gezeigt hast. Ansonsten: nichts. Ich bin mit Hunden aufgewachsen, für Anja warst du der erste Hund, und wir hätten es wirklich nicht besser mit dir haben können.

Unser erstes Silvester, wir wussten nicht ob dir die ganzen Knaller etwas ausmachen würden, also sind wir weggefahren, ans Meer, ganz in Ruhe. Deine Liebe zum Strand haben wir dort festgestellt, wie du wie ein Irrer durch den Sand rennst. Wasser mochtest du nie so gerne, wir haben es im Sommer mit einer Schwimmweste probiert, aber selbst dann ging es für dich nur ins kühle Nass wenn wir auch schon drin waren und wir dich mit einem Leckerli reingelockt haben. Angst hattest du nicht, es war einfach nur nicht dein Element. Schön auch wie du dich an eben diesem Silvester an eben diesem Strand in einem toten Fisch gewälzt hast und wir dich fürchterlich stinkend in einem Mietwagen zu unserer Mietwohnung zurück bringen und zwei Tage irgendwie waschen mussten um den bestialischen Gestank loszuwerden. Aber du hattest deinen Spaß.

Dein Tagesablauf war fest, wenn wir davon abwichen bedeutete das für dich Stress, ja selbst die Straßenrichtung, in der wir jeden Tag das Büro verlassen haben, musste stets korrekt sein, sonst hast du mich nur angeschaut und wusstest nicht was gerade passiert. Ich erinnere mich wie wir Freunde zum Grillen eingeladen haben, und wie du nachts um drei auf einmal auf der Terrasse stehst, völlig übermüdet, aber unfähig zu schlafen weil wir auch noch nicht im Bett waren und du damit deinen Job für den Tag noch nicht erledigt hast. Mitunter war es nervig für uns, dass du nie abschalten konntest. Aber so warst du eben. Und genau so haben wir dich geliebt.

Dein erster großer Sommerurlaub, Camping-Rundreise durch Tschechien und Polen. Für uns auch etwas völlig Neues, wir stellten uns auf alle Eventualitäten mit dir ein, aber am Ende war es für dich völlig okay in einer Ecke im Zelt zu schlafen, solange du nur neben uns sein konntest. Ich glaube rückblickend war Zuhause für dich kein Ort, es war wo Anja und ich waren. Der zweite große Urlaub in der Eifel, die lange Bahnfahrt hast du wie ein Champion weggesteckt und mal unter uns, wärst du ein paar Jahre jünger gewesen hättest du mit einer der beiden Hündinnen meiner Eltern, die wir auch dabei hatten, sicher was angefangen, stimmts? Alles hast du mitgemacht, zugegeben mal mehr, mal weniger freiwillig, aber es ging dir dabei immer gut. Dafür haben wir gesorgt.

Im Oktober letzten Jahres wurdest du krank. Ich war für ein paar Tage in Leipzig, und als ich wiederkam merkte ich sofort wie du langsamer über die Straßen liefst, gar nicht mehr so große Runden drehen wolltest und generell schwächer warst. Wir gingen zum Tierarzt, er stellte eine Herzinsuffizienz und ein Lungenödem fest. Kriegt man mit dauerhafter Medikation gut in den Griff, da ahnten wir noch nicht, dass die Tierärzte ab hier unsere regelmäßigen Begleiter werden sollten. Deine Luftröhre, die auf einmal einfiel, und die sich ohne starke Medikamente nicht stabilisierte. Man konnte uns nicht sagen was du hast, man hoffte, dass es sich durch Antibiotikum von selbst erledigen würde. Tat es nicht. Es folgten wöchentliche Besuche beim Tierarzt, Röntgenbilder, weitere starke Medikamente, wir machten das alles mit, natürlich machten wir das alles mit, es hat mich innerlich so zerrissen dich so zu sehen, so schwach, so anteilnahmslos. Wir hatten dir versprochen, dass wir für dich sorgen, dass wir dir ein besseres Leben ermöglichen, und gerade können wir dieses Versprechen nicht halten. Eine Endoskopie der Luftröhre im Januar, sie bringt keine Ergebnisse. Ende Januar entwickelst du eine Magenschleimhautentzündung und innere Blutungen, die Ärzte vermuten durch die Kombination von fünf oder sechs starken Medikamenten, die du mittlerweile regelmäßig schlucken musst. Du bewegst dich gar nicht mehr, trinkst und isst nur noch das allernötigste. Tägliche Blutbilder, es geht dir wieder ein bisschen besser, du kannst nach zwei Tagen stationärer Behandlung in der Klinik zurück zu uns nach Hause, wir schöpfen ein bisschen Hoffnung.

Anfang Februar, nur ein paar Tage später, es geht dir noch schlechter, du musst wieder in die Klinik. Deine Blutwerte sind kritisch, du brauchst eine Transfusion um überhaupt die Möglichkeit weiterer Diagnosen zu haben. Anja und ich reden über dich. Sehr lange. Wir wissen beide, was wir tun müssen, aber wir haben Angst, wollen es beide nicht aussprechen. Wir vereinbaren einen Termin für den kommenden Tag.

Am Dienstag den 4. Februar 2020 mussten wir dich gehen lassen. Wir konnten dich nicht länger leiden lassen, nicht mit dieser geringen Aussicht auf Genesung. Wir wissen, dass wir für dich die richtige Entscheidung getroffen haben. Aber es tut mir so unendlich leid Micky, dass wir nicht mehr für dich tun konnten.

Ich sehe dich überall in der Wohnung. Deine Lieblingsschlafplätze. In der Küche wenn du auf dein Essen gewartet hast und kaum ruhig halten konntest vor Spannung und Vorfreude. Im Flur wenn du vor Freude laut gebellt hast weil einer von uns beiden wieder nach Hause gekommen ist. Die Ecke auf dem Wohnzimmerteppich, wo du stolz dein Leckerli aus der Küche hingetragen hast bevor es dort verputzt wurde. Die Stelle vor der Terrassentür wo du ab und zu hingemacht hast wenn du es nicht mehr ausgehalten hast. Im Schlafzimmer, dein Körbchen, die Stelle unter dem Fenster, nachts hast du mehrmals deinen Schlafplatz gewechselt. Im Garten unter dem Baum, die Stelle von der du alles im Blick haben konntest. Unter dem Kratzbaum, die Katzen könnten ja vielleicht von oben etwas leckeres fallen gelassen haben. Überall.

Und das ist gut so. Es schmerzt gerade so sehr, aber ich möchte mich an dich erinnern, Micky. Du warst unser erster Hund, unser Kuschelbuddy, unser perfekter Reisebegleiter, der Strandsheriff und die sanfteste Hundeseele, die ich je kennenlernen durfte. Du hast unser Leben in den knapp zweieinhalb Jahren völlig auf den Kopf gestellt und wir möchten nicht eine einzige Sekunde davon missen. Danke.