Peter.

5. September 2019

Ich hab Peter Lindbergh einmal getroffen, 2016 war das. Also nicht so richtig getroffen, das war im Rahmen einer Signierstunde, oder eher Signiernachmittag und -abend anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Buches, das Treffen ging also nur ein paar Sekunden und ich war an diesem Tag einer von vermutlich 1.000 Leuten, die er genauso wie mich getroffen hat. Abends soll wohl noch Campino vorbei gekommen und ein kleines Inpromptu-Akustikkonzert gegeben haben, da war ich schon nicht mehr da, aber das nur am Rande.

Na jedenfalls stehe ich da so in der Warteschlange und überlege ich, ob ich gleich wohl was sagen sollte. Und was ich sagen könnte. Zu dem Fotografen, der dein eigenes Schaffen wohl am allermeisten beeinflusst hat. Der diese Leidenschaft zeigt, wie ich sie sonst bei nur wenig anderen Fotografen gesehen habe. Der sich stets und immer für den Menschen interessiert hat, für den Models nicht nur eine Kleiderstange für den eigentlichen Star, die Mode war. Der immer so gearbeitet hat wie er es wollte, nicht wie andere es ihm diktiert haben.
Ich hatte in einem Interview mal gelesen, dass er Lobhudeleien nicht mag. Also wollte ich ihm sagen, dass ich es bemerkenswert fand, wie er auch heute noch Fotos nicht retuschiert und den Menschen so zeigt, wie er ihn in diesem Moment gesehen hat, was ja beileibe keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Irgendwie so, den genauen Wortlaut krieg ich nicht mehr zusammen. Und ich hatte ja auch nur ein paar Sekunden.

Und dann kommt man langsam in den Raum ganz hinten, und dann sieht man ihn zum ersten Mal. Dunkles T-Shirt, die Brille sitzt wie immer leicht schief, er trägt seine Kappe mit "Peter" vorne drauf, falls man mal vergessen haben sollte, wer da gerade vor einem steht. Immer noch locker und entspannt, man hört zum ersten Mal seine Stimme, dieses leicht schnodderige, was er nie abgelegt hat, wie er mit den Menschen vor ihm kurze Worte wechselt oder für Fotos aufsteht, dabei nie genervt oder gelangweilt wirkt. Ich schaue nochmal kurz zurück, überlege wie lange die Schlange hinter mir noch ist und wie lange er heute wohl noch hier sein wird. Sehr lange. Mir fällt das Foto von Kate Moss in Latzhose wieder ein, ein zum Verrücktwerden schönes Bild.

Und dann stehe ich auf einmal vor ihm. Ein Mitarbeiter legt ihm ein weiteres Buch hin, hätte ich eine persönliche Widmung gewollt, dann würde er ihm jetzt auch noch ein Post-It mit meinem Namen reichen. Wollte ich nicht. Ich sehe nichts persönliches darin, wenn man einer von sehr vielen Post-Its ist, und ich bildete mir einfach ein, dass gerade jemand wie Peter Lindbergh, dem es immer um den Menschen ging, sicher genauso dachte.
Ich sagte, was ich sagen wollte und hoffte, es klang nicht zu sehr nach auswendig-gelernt. Mein Timing war ziemlich perfekt, gerade als er den Stift absetzte war ich auch fertig. Er schaute mich an, lächelte, schnodderte ein ehrlich gemeintes "joa danke" runter, ich erwiderte ein "Ich habe zu danken!" und wir schüttelten kurz die Hände. Ein anderer Mitarbeiter hatte unterdessen schon längst mein Buch genommen und in eine Tasche gesteckt, die er mir jetzt reichte. Langsam verließ ich den Laden. Das wars.

Gestern hat man häufig gelesen, dass die Welt einen großen Fotografen und Legende verloren hat. Ich finde es ja erst mal wichtiger und tragischer, dass eine Ehefrau, eine ehemalige Ehefrau, vier Söhne und sieben Enkelkinder ihren Mann, Vater, Großvater verloren haben. Und wie schuldig ich mich dann immer fühle, wenn ich bei Personen des öffentlichen Interesses so egoistisch bin und überlege, was mir ab jetzt fehlen wird. Aber natürlich lässt sich sein Einfluss auf die (Mode-)Welt und auf so viele Fotografen - mich eingeschlossen - nicht leugnen, und als ich die Nachricht über seinen Tod gelesen habe fühlte ich erst einmal gar nichts. Oder alles zusammen. Ich war überrascht, geschockt, traurig, wütend, vielleicht aber auch nur leer. Diese Nachricht fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube, und gleichzeitig so absurd surreal. Natürlich fängt man ab einem gewissen Alter an, sich auch mit dem Tod auseinanderzusetzen, aber Lindbergh wirkte immer fit, und 74 Jahre ist heutzutage ja nun wirklich kein Alter.

Dieser Blogbeitrag hat keinen richtigen Abschluss, genauso wie sein Schaffen, seine Art, seine Authentizität, seine Natürlichkeit, seine Legende vorgestern nicht abgeschlossen wurde. Ich musste diese Begebenheit einfach nur für mich aufschreiben.