Retusche?

13. December 2017

"Retuschierst du deine Fotos auch?"

Nein, nicht wirklich. Jetzt könnte ich an dieser Stelle ein paar Zitate von Peter Lindbergh in den Raum schmeissen, mich über Künstlichkeit in der Fotografie aufregen oder über andere Fotografen stellen, aber der ganz banale Grund dafür, dass ich nicht retuschiere, ist dass ich es einfach nicht kann. Vor gut zwei Jahren habe ich tatsächlich mal versucht mich in dem Bereich etwas schlau zu machen, aber ehrlich gesagt auch schnell wieder das Interesse daran verloren. Ist vielleicht auch besser so.

Aber halt, da mache ich es mir doch ein wenig zu einfach, denn eigentlich waren es wohl zwei Erlebnisse und mein persönlicher Anspruch, wie ich mit den Menschen vor meiner Kamera begegnen möchte. Da gab es diese Situation in Wünsdorf, ich hatte ein Shooting mit einem Aktmodel geplant, deren Arbeiten ich schon länger verfolgte, und war überrascht, dass sie eine Kaiserschnittnarbe hatte. Nicht weil ich es nicht ästhetisch oder nicht schön oder ähnliches gefunden hätte, sondern weil ich die Narbe bisher auf keinem Foto gesehen hatte. Ich fragte sie ob ich sie nachträglich wegretuschieren soll, vielleicht mag sie sie ja nicht, aber ihr war es wirklich egal. Ich fand es eher befremdlich, dass ihre Schönheit allein manchen immer noch nicht reichte.

Und dann gab es dieses Foto im Dezember letzten Jahres, dass ein Model von sich bei Facebook hochgeladen hatte. Wir hatten uns im Sommer 2016 für ein kurzes und wirklich tolles Shooting verabredet, und dann sitze ich ein paar Monate später vor dem Rechner und dieses Foto ploppt auf und ich falle aus allen Wolken, was die Fotografin daran alles verändert hat: die Haut komplett glattgebügelt, zwei Hauttöne tiefer, das ganze Gesicht geglättet und so ganz nebenbei fast einen anderen Menschen aus ihr gemacht. Mein erster Gedanke war wirklich, dass sie das nicht verdient hat.

Da hast du also dieses bildschöne Model, und der Fotografin ist das immer noch nicht genug, so dass sie sie in der Nachbearbeitung noch fast bis zur Unkenntlichkeit verändern muss. Und dann frage ich mich, was das wohl an Gedanken auslösen könnte: fühlt man sich vielleicht abgewertet? Nicht gut genug? Vollständig auf das Äußerliche reduziert? Wir werden ja so schon permanent durch Werbung auf ein ziemlich falsches Schönheitsideal getrimmt, was macht es dann mit einem selbst wenn man mit solchen Gedanken konfrontiert wird?

Ich möchte den Menschen vor meiner Kamera auf Augenhöhe begegnen, und dazu gehört für mich eben auch sehr behutsame Retusche - wenn überhaupt. Ich möchte Fotos machen, auf denen man sich auch in zehn Jahren noch wiedererkennt und sich erfreuen kann, keine Fotos die schon jetzt ein falsches Bild von einer Person wiedergeben. Und sind es denn nicht auch diese kleinen "Makel", die zu uns und unserer Geschichte gehören?