Über Wahrnehmung in der Fotografie

7. February 2018

Joel Sternfeld, McLean, Virginia, December 1978 © Courtesy of the artist and Luhring Augustine, New York, 2012

All photographs are accurate. None of them is the truth. - Richard Avedon

Im einem älteren Beitrag zu einem Foto von Ampannee Satoh schrieb ich, dass keine Erklärung, kein Kontext gegeben wird, es aber für das Foto selbst auch keine Bedeutung hätte. Das ist so nicht ganz richtig, und ich habe das Gefühl, darauf etwas näher eingehen zu müssen.

Das oben gezeigte Foto ist echt beziehungsweise nicht gestellt. Zu sehen ist ein Feuerwehrmann, der an einem Stand einen Kürbis kauft, während seine Kollegen versuchen, das Feuer in einem zweistöckigen Familienhaus zu löschen. Es ist genau so passiert, als der Fotograf Joel Sternfeld an der Szene vorbei fuhr und ein Foto davon machte. Mehr Informationen als den Untertitel, der hier auch angegeben ist, bekommt man nicht. Sternfeld lässt damit Raum zur eigenen Beurteilung, dennoch fehlt ein eigentlich wichtiges Detail: bei dem brennenden Haus handelt es sich um eine Übung. Und das ändert die Wahrnehmung des gesamten Fotos deutlich.

Also Fotograf hat man eine gewisse Kontrolle darüber, wie ein Betrachter das Foto wahrnimmt, sei es durch Weglassen von Informationen, oder auch wie ein Foto aufgenommen wurde. Wie Avedon schon sagte: jedes Foto ist echt, aber keines gibt die Realität wirklich wieder, der Einfluss des Fotografen spielt immer eine Rolle. Das, und das wir ohnehin nur den Bruchteil einer Sekunde dokumentieren, aber das ist eine andere Geschichte. Das ist insofern wichtig, als das wir visuellen Darstellungen eher Glauben schenken als beispielsweise reinen Nacherzählungen. Beispiele für diese Art der Manipulation - und in diesem Kontext halte ich das Wort für angebracht - gibt es unzählige, so ist es heute selbst im Bereich des Fotojournalismus nicht mehr unüblich, Fotos zu inszenieren, um einen Effekt zu erzeugen (vgl. hier und hier, oder die Kontroverse um den Gewinner des World Press Photo Awards 2013).

Und bei der Wahrnehmung bleibt es meist nicht nur beim Foto selbst, oft geht es auch um die Umstände, in denen ein Foto vielleicht entstanden ist. Ein prominentes Beispiel ist das Foto eines hungendern Kindes im Sudan, während im Hintergrund ein Geier wartet, aufgenommen von Kevin Carter. Es gibt unterschiedliche Angaben dazu, wie das Foto entstanden ist, die kritische Frage, warum der Fotograf nicht eingegriffen hat, war aber stets präsent. Das Foto wurde mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet, etwa drei Monate nach Erhalt nahm Carter sich das Leben. Unter anderem gab er das Gesehene als Grund an.
Ein aktuelleres Beispiel ist eine Fotodokumentation von Sara Naomi Lewkowicz namens Shane and Maggie: An Intimate Look at Domestic Violence, in der sie das Leben eines jungen Pärchens eine Zeit lang begleitete. In einem Foto sehen wir wie Shane Maggie in der Küche körperlich angreift, während ihre Tochter alles mitkriegt. Natürlich kam die Frage auf, warum Lewkowicz Fotos machte anstatt einzuschreiten, was sie mit der körperlichen Überlegenheit von Shane begründete. Sie hätte sich nur selbst in Gefahr gebracht ohne etwas erreichen zu können. Die Frage nach Ethik im Bereich des Fotojournalismus ist eine Grundsätzliche, die sich nicht so einfach beantworten lässt, sie spielt aber in die Wahrnehmung eines Fotos durchaus mit rein.

Auch im Bereich der klassischen Fotostrecken oder Essays spielt der Einfluss des Fotografen eine Rolle, mir fielen da spontan zwei Strecken zu Slab City ein, einem kleinen Ort in der Wüste von Kalifornien. Die Journalistin Jessica Lum dokumentierte in Slab City Stories die Geschichte der Bewohner von Slab City, ebenso wie Claire Martin in ihrer Serie The Misfits. Während erstere dabei ein Bild eines kleinen Paradieses beschreibt zeigt letztere die Probleme auf, die ein solcher Lebensstil mitbringt. Beide haben das gleiche Motiv, beide erzielen eine völlig unterschiedliche Wahrnehmung.

Nun gehen wir heute ganz automatisch davon aus, dass Fotos nicht die Realität wiedergeben, daran ist zunächst auch nichts auszusetzen. Als Betrachter sollte man aber Fotos dieser Art immer hinterfragen und - wenn möglich - mehrere Quellen zu Rate zu ziehen, um sich letzten Endes eine eigene Meinung zu bilden. Ein einzenes Foto reicht dazu nicht aus.

Vertrauen spielt in diesem Zusammenhang ebenfalls eine wichtige Rolle, aber das ist ein Thema für einen weiteren Beitrag.