Zwei Seiten der Medaille

10. November 2018

Analoge Fotografie hat mich unkreativ werden lassen

Zum alljährigen Kurzurlaub auf Mallorca habe ich dieses Mal entgegen meiner Gewohnheit eine digitale Spiegelreflexkamera mitgenommen. Ich erinnerte mich noch an die Fotos von Schottland und Kanada und dass ich mit den Landschaftsaufnahmen nicht so wirklich glücklich damit war, vor allem wollte ich mich aber nicht ständig aufs Fotografieren konzentrieren sondern gerne auch mal schnell einen Schnappschuss machen und dann lieber den Moment genießen. Am Ende ist die Kamera ja sowieso scheissegal, fragt eh keiner mehr nach. Am vorletzten Tag ergab es sich dann sogar noch, dass ich drei wunderbare Menschen fotografieren durfte - und erst mal so richtig schön ins Schwitzen kam, da mir digitale Fotografie halt doch nicht so ganz liegt. Und so sitze ich nach dem Urlaub am Schreibtisch, schlürfe den frischgebrühten Kaffee, öffne das Bildbearbeitungsprogramm meiner Wahl und sitze vor dem Rechner wie der Ochs vorm Berg.

Ich hätte an dieser Stelle alle Möglichkeiten der Welt, aber ich weiß nicht, was ich mit den Bildern machen soll. Ja okay, mir fehlt auch das technische Wissen, vor allem habe ich aber auch keine Vorstellung, wie es weiter gehen könnte. Und langsam aber sicher verfestigte sich der Gedanke, dass mich diese Fotografie auf Film zumindest im Anschluss unkreativ hat werden lassen. Es gab diesen Punkt schon einmal in meiner fotografischen Karriere, als ich von meiner allerersten Einsteigerkamera zu einem sehr guten Modell für Prosumer wechselte. Da gabs auf einmal keine Einschränkungen mehr, ich fotografierte deswegen aber auch ohne Sinn und Verstand einfach alles, was mir vor die Linse kam. Meine Fotos wurden dadurch nicht besser. Und so schiebe ich die Regler ein bisschen hin und her, probiere mal in die eine, dann in die andere Richtung. Es fehlte die Idee, genau wie jetzt. Der Kaffee wird langsam kalt.

Analoge Fotografie hat mich kreativ werden lassen

Ich kenne "meine" Filme. Ich weiß, wie sie sich in verschiedenen Lichtsituationen verhalten, ob ich lieber nochmal eine Blende mehr Licht gebe oder nicht. Ob ein Push oder Pull des angebenen ISO-Wertes für mein Foto sinnvoll ist. Wie ich das gemessene Licht verändern muss, um den Bildstil zu beeinflussen. Kann mir das Bild im Kopf schon gut vorstellen. Weiß, es schon nahezu fertig auf dem Negativ ist und ich in vielen Fällen nur wenig Hand anlegen muss.
Ich kenne meine Kameras. Weiß, welche Qualität die Linsen haben, oder auch welche Fehler sie in komplizierten Lichtsituationen produzieren. Ob ich bei einem Farbfilm lieber die eine oder doch die andere Kamera benutze. Ob es schnell gehen muss oder ob ich Zeit habe.
Oder anders gesagt: ich weiß genug über die Technik, dass ich mir so viel mehr Gedanken um das Bild selbst machen kann. Die meisten der großen Fotografen des letzten Jahrhunderts hatten den Meisterprinter ihres Vertrauens, so viel Glück habe ich natürlich nicht, meine Einstellung ist ansonsten aber ähnlich: was bei der Aufnahme passiert ist das Wichtige, alles danach ist natürlich nötig, aber für mich nicht mehr wichtig oder besonders interessant. Meine Kreativität liegt nicht mehr in der Technik danach, sondern bei der Aufnahme mittendrin.