RCC Longest Day

Letzte Woche dann mehr oder weniger noch spontan dazu entschieden, am Sonntag mit dem Rapha Cycling Club den Longest Day zu fahren: von Berlin aus auf den Brocken und zurück nach Magdeburg, insgesamt etwa 375 Kilometer. Um die Distanz hab ich mir gar nicht so viele Gedanken gemacht, es war ja von Anfang an klar, dass das Ding in einer Gruppe und mit moderatem Tempo gefahren wird, da ich aber in diesem Jahr noch nicht einen einzigen Anstieg gefahren bin waren die Höhenmeter am höchsten Berg Norddeutschlands zumindest respekteinflößend. Um fünf Uhr morgens war Start, um 15 Uhr waren wir am Brocken und so gegen halb zehn Uhr abends dann am Magdeburger Hauptbahnhof. Um kurz nach 1 Uhr nachts dann erschöpft ins Bett gefallen.

Die besten Gruppen sind die, wo die stärkeren Fahrer*innen ganz selbstverständlich auch mehr Führungsarbeit übernehmen und keiner meckert, damit die anderen weiter hinten fahren und die Distanz ebenfalls schaffen können. Das hier war so eine Gruppe, und das war ziemlich toll.

Und wieder gemerkt, dass solche Distanzen auch viel Kopfsache sind. Den körperlichen Aspekt will ich gar nicht ignorieren, aber den Schweinehund zu ignorieren, der einem auf dem Hinweg immer wieder mal zuflüstert, diese und jene Abzweigung zu nehmen und einfach gleich nach Magdeburg zu fahren, oder unten am Brocken einfach zu warten bis die anderen wieder vom Anstieg wieder zurück kommen ist mindestens genauso wichtig. Nur bei der Verpflegung bräuchte ich noch ein bisschen mehr Disziplin. Also, äh, bei den Stops weniger konsumieren. Aber was muss das alles auch so lecker sein.

Vorbildlich organisiert, der Support-Van immer hinter uns, an den Stops mehr als genug und vor allem angemessene Verpflegung, tolle Mitfahrer*innen, das Wetter hat auch mitgespielt... war wirklich ein rundherum gelungener Tag. Gerne wieder.

ICQ

Vor ein paar Tagen schon die Nachricht bekommen, dass ICQ am 26. Juni 2024 seinen Dienst einstellt, und mein erster Gedanke war Bestürzung, mein zweiter Überraschung, dass es den Messenger überhaupt noch gibt, der dritte Gedanke war dann meine Nummer, die ich in knapp 25 Jahren anscheinend nie vergessen habe. Das Passwort zu dem Account allerdings schon. Ob da also immer noch irgendwer meiner damaligen Kontakte online ist wird wohl für immer ein Mysterium bleiben. Oder, naja, bis zum 26. Juni.

Und klar könnte mir das total egal sein, ich hab den Messenger seit weit über 15 Jahren nicht mehr benutzt, verbinde damit aber eben viel. Neben IRC und Teamspeak war ICQ für mich immerhin die erste Form der direkten Kommunikation übers Internet mit anderen, mit dem Vorteil, dass man Nachrichten auch nur dann erhielt wenn man überhaupt online war - heute ziemlich undenkbar. Und was damit alles einher ging, und was für ein spannender und toller und interessanter und neuer Ort dieses Internet noch war. Kein Facebook, keine Smartphones, kein always-on, Google war einfach nur eine exzellente Suchmaschine und Amazon ein Online-Buchhandel, Quake 3 Promode immer noch der Shooter der Wahl, bei Counterstrike sind wir alle bei Beta 6 hängen geblieben, bei Myspace gings darum wer die meisten "Freunde" sammeln konnte, MP3 CDs statt iTunes und Spotify, selbstgebrannte CDs mit DivX-Filmen tauschen, FCKGW... und alles hat sich irgendwie nach einem Raum für Möglichkeiten angefühlt, nicht nach einer Handvoll Konzerne, die das Internet mittlerweile unter sich aufgeteilt und seit Jahren jeglichen Spaß daraus genommen haben, ganz bewusst auf niedere Instinkte abzielen und weiter daran arbeiten, es zu einer kompletten (AI-)Shitshow zu machen, in der man einfach nur noch "ist".

Machs gut, ICQ. Mit dir verschwindet dann ein weiteres digitales Stück, dass mir mal sehr viel bedeutet hat. Und Danke für den Flashback zu schöneren Zeiten.

neuseen classics die Dritte

Bei der Anmeldung zu Jedermannrennen wird üblicherweise auch ein Notfallkontakt abgefragt, der benachrichtigt wird, sollte einem bei der Veranstaltung etwas zustoßen.

Am Sonntag spontan doch noch zum dritten Mal die neuseen Classics in Leipzig mitgefahren. Vor zwei Jahren war das ja mein erstes Rennen überhaupt, die Strecke hat sich seitdem auch nicht geändert und so kann ich da ganz gut einen Vergleich ziehen, ob und wie sich meine Leistung über die letzten zwölf Monate so verändert hat. Und gleichzeitig war das auch mein erstes Rennen in diesem Jahr, nachdem ich beim Hasenrasen ja krank war und mir das Kriterium Rund ums Südring Center südlich von Berlin Anfang der Woche gespart habe, weil ich da eh nix gerissen kriege und vermutlich nur frustiert nach Hause gefahren wäre. Ja, ich hatte Bock, und das richtig.

Startblock A, der erste Sturz ungefähr zehn Meter nach dem Start sollte wohl ein Vorzeichen für die nächsten rund 150 Minuten sein, und so bleibt es auch fürs erste Drittel ziemlich unruhig. Bei den kurzen Anstiegen die ersten Verbremser von den Vordermännern, ich muss auch leicht bremsen um nicht auf den Vordermann aufzufahren und höre hinter mir die Stürze. Nachschauen, ob alles okay ist ist keine Option, dafür sind die Stücke zu schmal und komplett voll mit anderen Fahrern, und in Gedanken hoffe ich einfach nur, dass nichts schlimmeres passiert ist. Der erste schale Beigeschmack. Ich bin nicht schuld, aber trotzdem irgendwo Teil davon.

Kilometer 30, aus einer Rechtskurve kommend biegen wir auf eine völlig unscheinbare, leicht abwärts gehende Gerade und sehen ein paar Hundert Meter weiter den Krankenwagen mit Blaulicht auf der Straße stehen. Die Gruppe wird langsamer, kommt fast zum Halt, ein Helfer bedeutet uns langsam in Einerreihe vorbei zu fahren, ich sehe Fahrer auf der Straße liegen, Fahrer im Seitengraben, überall ist Blut. Durch Hörensagen später erfahren, dass jemand beim Attackieren wohl aus Versehen ausgeklickt und gestürzt ist und die anderen dabei mitgenommen hat.

Ich will nicht mehr. Überlege kurz, ob ich einfach hier und jetzt anhalte und erst mal heule. Überlege kurz, ob ich meine Gruppe ziehen lassen soll, das Rennen für mich alleine zu Ende fahre. Überlege, dass die gestürzten Fahrer Familie haben, Partner, Kinder, Eltern, Freunde. Die zuhause sind, vielleicht am Ziel warten, die wissen, dass das ganze hier ein Sport mit Risiko ist, die sich Sorgen machen, und die heute "den Anruf" kriegen werden. Hallo, sind sie Person XY, sie sind der Notfallkontakt von ABC, es ist etwas passiert. Stelle mir vor, wie es meiner Freundin dabei gehen würde wenn das Handy klingelt und eine Nummer aus Leipzig aus dem Display erscheint, was mich in dem Moment fast zerreisst.

Fahre weiter, konzentriere mich wieder aufs Rennen. Die Gruppe wird ruhiger, wir fahren über breite Straßen mit entsprechend Platz, die Gedanken driften nochmal kurz ab zu der Szene von eben, die Emotionen kommen wieder hoch. Bei Kilometer 85 oder so dann nochmal ein Sturz direkt hinter einer engeren Kurve, vier Fahrer liegen auf dem Boden, alle okay, warum das jetzt passiert ist checke ich aber auch nicht.

Und dann bin ich im Ziel und das Rennen ist vorbei. Ganz nüchtern betrachtet bin ich mit meiner Leistung absolut zufrieden, aber das ist nicht nicht das, was von diesem Tag hängen bleibt. Und dann frage ich mich, ob es das wert ist. Ich bin in keinem Team, ich habe keine Sponsoren, ich fahre nie volles Risiko, ich muss niemandem etwas beweisen außer mir selbst. Aber ich habe Menschen zuhause, die mich lieben, die sich jedes Mal, wenn ich aufs Rennrad steige, Sorgen machen, und denen ich den Anruf eigentlich ersparen möchte. Gerade weiß ich noch nicht so recht, was ich daraus machen soll.

Pfingstmontag. Rennen mal Rennen sein gelassen, ich krieg da sowieso nichts gerissen und wäre vermutlich nur dezent frustriert wieder nach Hause gefahren. Stattdessen den Feiertag genutzt und mit guten Menschen eine gute Runde zur Oder gefahren.

Zwei Platten bei den anderen, einen Mini-Kompressor mal in Aktion gesehen - macht Geräusche wie ein Furz, funktioniert aber echt gut - durch die Gewitter durchgemogelt, Coffee-Stop irgendwie ausgelassen, bissle Schnack und ich merk wieder, dass das dieses Rennradfahren ist, was mir am meisten Spaß macht.