"Das Bild, auf dass du am meisten stolz bist."

Letzte Woche bei Instagram eine kleine Fragerunde zu meiner Fotografie gemacht, mit der ich ja seit drei Jahren so ziemlich abgeschlossen habe, weil warum nicht. Unter anderem kam da auch die Frage da oben auf, und weil ich da gerade unterwegs war und mein Archiv nur auf zwei Festplatten in meiner Schublade zuhause existieren - ja ja ja, wie kann ich nur, eine sollte irgendwo komplett anders liegen, weiß ich alles und es ist mir egal - reiche ich das jetzt eben nach. Mehr oder weniger. Denn Spoileralarm: das Bild existiert nur in meinem Kopf.

Dazu muss ich ein bisschen ausholen, ihr könnt euch an der Stelle so eine tolle Zurück-in-der-Zeit-Animation oder sowas vorstellen, denn so ungefähr 2008 oder 2009 herum hab ich meine erste Kamera gekauft, eine gebrauchte Nikon D60. Geld war damals knapp, und ich hatte ja noch keine Ahnung ob mir dieses fotografieren überhaupt Spaß machen könnte, und wenn nicht, dann hätte ich zumindest nicht so viel dafür ausgegeben. Am Anfang war viel ausprobieren angesagt, ein Verständnis für die Technik bekommen und sowas, aber halt auch viel entdecken und Berlin nochmal mit ganz anderen Augen sehen. Ich hab Lost Places besucht, hab mich an Makros probiert, und natürlich bietet sich Berlin auch für Straßenfotografie an. Ich hab Fotos von Berliner Architektur kopiert um nachzuvollziehen, wie der Fotograf dieses und jenes gemacht haben könnte. Kitschige "Zuckerwürfel in Kaffeetasse"-Fotos. Und noch so viel mehr. Vor allem habe ich aber nur fotografiert, was nicht mit mir interagieren konnte.

Denn mein Selbstbewusstsein war zu der Zeit so semigut ausgeprägt: ich hatte immer noch Angst nicht zu gefallen und hatte mir immer noch viel zu viele Gedanken gemacht, was andere von mir halten. Kommt mir nicht mit "Das ist doch Quatsch, Christoph!", meinem Brain war das damals einfach noch nicht zu vermitteln. Na jedenfalls war das der Grund, warum ich bis dahin nie direkt Menschen vor der Kamera hatte.

So, aber irgendwie musste ich das doch hinkriegen, also hab ich mir jetzt viel zu viele Gedanken gemacht, wie ich das wohl anstellen könnte: am besten wäre ja sicher an einem Sonntag im Mauerpark in Berlin, die Menschen da müssten eigentlich offener sein als, na ich weiß auch nicht, eine Schrebergartensiedlung in Pankow oder sowas. Ich hatte die Hasselblad dabei, weil es eben nicht eine 0815-Kamera war, die mich vielleicht professioneller wirken lässt - an der Stelle noch die Randbemerkung, dass wir uns zeitlich immer noch vor Instagram bewegen und allgegenwärtige Fotografie noch Zukunftsmusik war. Einen Ablauf hab ich mir überlegt, möglichst schnell, keine großen Gespräche, anonym as in: ich frage nicht nach Namen oder sowas, aber hab Visitenkarten dabei. Ihr merkt schon, viele Gedanken für etwas vermeintlich einfaches.

Und so schlenderte ich über die Wiese des Mauerparks auf der Suche nach jemandem, der für ein Foto vielleicht zu haben sei. Sie saß auf einer Mauer und las gerade ein Buch, ich würde sie Anfang oder Mitte zwanzig schätzen und ich muss zugeben, dass die Erinnerung an das Bild bzw. die Situation langsam verschwimmt, wir reden hier von etwa 2010: ein grüner Wollschal ist mir noch im Gedächtnis geblieben, die Mütze müsste rostbraun gewesen sein, helle Haut, die Haare definitiv dunkel. Puls auf Anschlag gehe ich auf sie zu, frage höflich ob ich eventuell ein Foto von ihr machen dürfte. Sie antwortet auf englisch und ich hab wahrscheinlich wie der letzte Trottel reagiert, weil ich darauf einfach gar nicht gefasst war, was an einem Ort wie dem Mauerpark an einem Sonntag wie diesen ja auch ein wenig naiv ist, aber ich schweife ab. Okay, also nochmal die gleiche Frage auf englisch gestammelt - ja klar. Äh was? Verdammt, ich hab mir wirklich nur bis zu der Frage Gedanken gemacht, über das Foto selbst dagegen gar keine. Also schnell aus 45° Grad fokussiert, Licht geschätzt, wird schon irgendwie passen, den Auslöser durchgedrückt, ihr meine Karte in die Hand gedrückt falls sie das Foto später sehen mag, noch einen schönen Tag gewünscht und von dannen gezogen. Durchgeatmet, Puls irgendwie wieder beruhigt, kurz für mich realisiert: holy shit, du hast da gerade wirklich jemanden einfach so fotografiert. Wie krass bist du denn.

An dem Tag habe ich noch ein paar andere Menschen fotografiert, das weiss ich noch. Und es wurde mit jedem Fall ein kleines bisschen einfacher, die Aufregung wurde ein kleines bisschen weniger, und es machte Spaß. Oh wieviel Spaß es einfach machte.

Ich hab nicht den blassesten Schimmer wie das mit der Fotografie weiter gegangen wäre, hätte sie, wie sie da lesend auf der Mauer saß, meine Frage mit "Nein." beantwortet. Ich bin mir sicher, dass ich es an dem Tag nicht nochmal probiert hätte, und ich würde auch nicht ausschließen, dass ich es nie wieder versucht hätte, fehlendes Selbstbewusstsein, zuviele Gedanken und so, ihr wisst schon. Es ist das Bild, auf dass ich am meisten stolz bin, nicht weil es künstlerisch so wertvoll ist oder die Person so atemberaubend schön oder der Inhalt so deep ist, dass man es stundenlang analysieren könnte, all das trifft darauf ganz sicher nicht zu. Aber es steht symbolisch für einen sehr sehr wichtigen Schritt, den ich damals gemacht habe. Und mit jedem Mal wurde es ein bisschen besser, ein bisschen einfacher, ein bisschen leichter.

Auf einem Filmstreifen sind zwölf Aufnahmen. Der Film lag schon mehrere Jahre in der Kamera, mein Vater hatte auch schon ein paar Auslösungen gemacht, was genau er da fotografiert hat wusste er aber auch nicht mehr. Ich hab den Film dann mit den Aufnahmen im Mauerpark voll gemacht und im Labor abgegeben, wegen der schlechten Lagerung und des Alters war aber exakt gar nichts auf dem Filmstreifen zu sehen. Die Enttäuschung darüber hielt sich in Grenzen, die Erfahrung war am Ende sowieso viel wichtiger.

Beim Einrichten des neuen Smartphones meines Vaters gab es ein kleines, unerwartetes Problem: er konnte keine Mails löschen. Er hat seit Jahr und Tag eine GMX-Adresse, das Einrichten in Gmail war ja kein Problem, Adresse eingeben, den Rest erledigt die App, nur wann immer er eine Mail in den Papierkorb verschob tauchte sie nach einem Reload wieder in der Inbox auf. Merkwürdig, das alles.

Kurzer Check, IMAP ist richtig konfiguriert, auf die Schnelle weiß ich auch keinen Rat, also die GMX-App installiert, weil Mailclient ist ja wohl gleich Mailclient und da wird das mit dem Löschen von Mails ja wohl funktionieren und was zur Hölle ist diese App bitte für eine Frechheit, in der zwischen den Mails irgendwelche schlechte Werbung und f***king Nachrichten getarnt als "Mails" angezeigt werden? Meine Fresse. Ich bin wirklich der festen Überzeugung, dass GMX, web.de und wie sie alle heißen nur deswegen heute noch existieren, weil die Benutzer Angst haben, sowas essentielles wie die eigene E-Mail-Adresse zu ändern.

Am Ende war es übrigens ein Verzeichniskonflikt auf dem Server, der sich dann schnell lösen ließ. Und selten war ich glücklicher, eine App deinstallieren zu können.

Sidenote: Googe Mail wird in ein paar Tagen 20 Jahre alt. War von Anfang an der beste Anbieter für Mails und ist es nach wie vor. Bei weitem. Hat sich in all der Zeit aber leider auch nie wirklich weiterentwickelt - wenn ich mir den Schrott der anderen Anbieter ansehe wundert mich das aber auch nicht, deren Messlatte liegt ja wirklich ganz weit unten.

März 2024

  • Sonne in Deutschland kickt anders, denke ich. Kann ich zumindest am ersten wirklich schönen Tag des Jahres erkennen, wenn die Laune aller Mitmenschen spürbar besser ist.
  • Den Geburtstag mit zwei der wichtigsten Menschen in meinem Leben gefeiert und dabei wieder festgestellt, dass es mir gut geht. Und das sage ich nicht nur beiläufig, sondern meine es genau so.
  • Mein Vater ist 81 Jahre alt geworden. Meine Mutter ist zwei Tage davor gestürzt und es war nicht sicher, ob die beiden ihre Kurzreise nach Maastricht zu seinem Geburtstag machen konnten, und mir wird ihr Alter wieder ein Stück mehr bewusst. Und ich fühle mich wieder unwohl, so weit weg zu sein.
  • Gehe einkaufen, es regnet. Auf dem Weg zwei kleine Hunde, die über die Wiese fetzen und die Zeit ihres Lebens und den besten Tag seit gestern haben, und denen es vor allem komplett egal ist, dass sie gerade ziemlich nass und dreckig werden. Und denke mir so, dass wir alle vielleicht ein bisschen mehr wie Hunde sein sollten.
  • Wir verbringen eine Woche bei den Eltern und schauen uns das Schokoladenmuseum in Köln und auf Wunsch des Kleinen noch Schloss Augustusburg in Brühl an. Als Kind fand ich das Schloss ja eher langweilig, in den letzten Jahren aber die Führung mehrmals mitgemacht und jedes Mal ziemlich beeindruckt gewesen. Und der Kleine kam aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Toll.
  • Auf der Rückfahrt noch S. kennengelernt, die neben uns im Zug saß und nach kurzer Nachfrage wie selbstverständlich ihren Hund neben den Muchacho setzte. Anfänglich noch mit viel Respekt war er die ganze Fahrt über nicht mehr von dem Vierbeiner wegzukriegen und strahlte die ganze Zeit wie ein Honigkuchenpferd, und wenn das mal nicht der allerbeste Abschluss einer eh schon ziemlich tollen Woche war, also dann weiß ich auch nicht.

Android zu Android

Mein Vater hat ein neues Smartphone. Endlich, möchte ich hinzufügen, sein altes von 2016 funktioniere ja noch und er schaue ja immer bei Stiftung Warentest nach den Modellen mit den guten Kameras, denn eine gute Kamera ist ihm bei einem neuen Smartphone ja schon wichtig, nur kosten die dann auch ganz schön viel und so dringend sei ein neues Smartphone dann ja auch wieder nicht, denn sein altes funktioniere ja noch und eine gute Kamera sei ihm ja schon wichtig. Das Argument der Sicherheit ließ er nicht so richtig gelten, als dann aber ein ziemlich ordentliches Smartphone mit ziemlich ordentlicher Kamera im Angebot war konnte ich ihn doch davon überzeugen. Ich hab mir schon mal eine Erinnerung für 2032 gesetzt, wie ich es dieses Mal hinbekommen habe.

Natürlich war es meine Aufgabe, die Daten vom alten aufs neue Smartphone zu übertragen. In meinem Kopf stellte ich mir das ziemlich leicht vor: zwei unterschiedliche Hersteller, Google-Account auf dem neuen Gerät wiederherstellen, alles aus der Cloud synchronisieren, Apps installieren, WhatsApp Backup wiederherstellen, nur die ganzen pushTANs muss er nochmal neu einrichten. Größte Schwierigkeit daran eigentlich, ob mein Vater überhaupt noch das Passwort zu seinem Google-Account kennt, den er ja sonst nie benutzt. Zeitaufwand vielleicht ein Nachmittag.

Am Ende war es sogar noch leichter: beide Geräte mit einem Kabel verbinden, hier ein paar Buttons drücken, da ein wenig bestätigen, kurz warten bis alles übertragen ist, fertig. Ich gebe zu, ich bin angenehm überrascht. WhatsApp Backup wiederherstellen bleibt mir trotzdem nicht erspart, und dass die Apps fürs Onlinebanking die Daten nicht mit überspielen ist ja auch eher sinnvoll. Tatsächlicher Zeitaufwand etwa eine Stunde wegen dem Gefummels beim Messenger. Christoph zufrieden.

Ich bleib aber bei iOS.